St. Stephan (Wien)
Dom- und Metropolitankirche (auch vulgo „Steffel“, Wahrzeichen) von Wien.

1147 wurde die damalige romanische Pfarrkirche, die dem Passauer Bistum unterstand, dem hl. Stephanus geweiht. 1365 wurde sie im Zuge des gotischen Neubaus durch Rudolf IV. den Stifter Sitz des Domkapitels (Kollegiatskirche), 1469 Bistum (Kathedralkirche) und 1723 Erzbistum. Bis 1918 war St. St. landesfürstliche Patronatskirche. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs stark beschädigt, 1945–60 wieder aufgebaut und seither ständig restauriert.

Aus der Zugehörigkeit zur Diözese Passau lässt sich annehmen, dass für die Gestaltung des Gottesdienstes Weltpriester zuständig waren, d. h. liturgisch wurde der sog. cursus ecclesiasticus verwendet. Im Stiftsbrief von 1365 werden 24 Domherren postuliert, unter ihnen der Kantor (Chorherr), der für den Gottesdienst (drei Messen und das gesamte Offizium), den von ihm bestellten Chorleiter, die Chorsänger und die Schüler (12–24, an Hochämtern mindestens 30) sowie für die Orgel und die Prozessionen verantwortlich war. Am sog. „collegium civium“ (Bürgerschule), einer für den liturgischen Gesang zentralen Institution in Wien – erstmals 1237 bezeugt und 1296 von der Stadt Wien als quadriviale Lateinschule eingerichtet –, wurden Sängerknaben unterrichtet. Nach der Kantorei-Ordnung von 1460 wurden sie auch für den figurierten Gesang herangezogen. Die älteste Schulordnung Wiens von 1446 erwähnt als Personal einen Schulmeister, drei Magistri, Hilfslehrer, einen Kantor und einen Subkantor. Als erster namentlich bekannter Kantor gilt H. Edlerawer. Fragmente eines kurz nach 1400 kopierten Chorbuchs, die sich heute in Nürnberg/D und Melk (Cod. 749) befinden und zeitgenössisches Repertoire (u. a. Johannes Ciconia) enthalten, wurden wahrscheinlich an der Kollegiatschule verwendet.

Im 16. Jh. sind nahezu alle Kantoren bekannt (u. a. S. de Roy 1572/73). Die Existenz einer Kantorei erwähnt W. Schmeltzl 1547 in seinem Lobspruch der Stadt Wienn. Im 15. und 16. Jh. bestand auch eine „Gottsleichnamsbruderschaft“ (Corporis Christi = Fronleichnam), die Prozessionen abhielt und Passionsspiele (Geistliche Spiele) aufführte. Organist war ab ca. 1505 (oder 1515) W. Grefinger, ein Schüler P. Hofhaimers. Entscheidend für die weitere Geschichte der Dommusik war 1513 die Weihe G. v. Slatkonias zum Bischof von Wien: ab diesem Zeitpunkt standen Dom und Hofmusikkapelle in einem Konkurrenzverhältnis zueinander, das gegenseitigen Austausch beinhaltete.

1619 wurde der Titel „Domkapellmeister“ eingeführt; der erste Musiker mit dieser Berufsbezeichnung war Ch. Strauss (1619–31). Ihm folgten Johann Kreutzer (1631/32), J. Winsauer (1632–63), W. Ebner (1663–65, schon 1634–37 Organist), G. Kopp (1665/66), P. A. Kerzinger (1666–78) und Mi. Stadler (1678/79). Unter den Organisten dieser Zeit sind außer Ebner Lucas Mayrginther (ca. 1641–86), J. Pachelbel (1674–77?) und G. Reutter d. Ä. (1686–1715) hervorzuheben; vielleicht war der Hoforganist J. C. Kerll ab 1677 auch hier tätig. Seit 1647 ist durch Rechnungen die Aushilfe der Dommusikkapelle am Kaiserhof nachweisbar, was beonders für das 18. Jh. gilt. Generell dienten Hochämter an St. St. vorwiegend Repräsentationszwecken: der kaiserliche Hof, zahlreiche Bruderschaften, die 1725 gegründete Cäcilien-Congregation, aber auch die Nationen und Fakultäten der Univ. Wien feierten ihre Feste bzw. Schutzpatrone; hinzu kamen Feiern zur Erinnerung an militärische Siege. Von den Passionsspielen ist jenes von ca. 1685 (A-Wn 8227) bekannt.

Im 18. Jh. existierten nebeneinander die Domkapelle („Essentialisten“) und die sog. Gnadenbildkapelle („Choralisten“). Letztere wurde 1697 durch eine Stiftung am Altar Maria Pötsch (Mária Pócs/H) eingeführt, nachdem die Ikone mit dem Tränenwunder aus Ungarn nach Wien transportiert worden war (sie war damals noch am Hauptaltar angebracht). Die Musiker hatten täglich ein Amt und eine Lauretanische Litanei zu singen, außerdem wurden Stationsgottesdienste und Prozessionen veranstaltet. Dem Gnadenbild sind 20 geistliche Lieder gewidmet, die Christoph Zeuneggs Erneuert= und vermehrter Gnaden-Brunn in dem wunderthätigen Bild der weinenden Mutter Gottes von Pötsch (Wien 1739) wiedergibt. Die Kapellmeister waren z. T. die (zukünftigen) Domkapellmeister. J. M. Zacher (Zächer) übte dieses Amt 1697–1705 aus, dann wurde ihm J. J. Fux (1705–12) zur Seite gestellt (dessen Missa Lachrymantis Virginis ist wohl in diesem Zusammenhang zu sehen). Es folgten G. Reutter d. Ä. (1712–15), J. G. Reinhard (Reichard, 1720 oder 1727–1740), G. Reutter d. J. (1740 provisorisch und 1759–72), Ferd. Schmidt (1743–56) sowie als letzter L. Hofmann (1772–83). 1783 wurde diese Kapelle aufgelöst. 1. Domkpm. war 1679–1712 J. M. Zacher, nach dessen Tod war Fux drei Jahre (bis Ende 1714) 1. Domkpm. Auf sein zehnjähriges Wirken an St. St. und den damit zusammenhängenden Unterricht der Singknaben wird die Entstehung des sog. Singfundaments urückgeführt, das Gesangsübungen auf der Basis der Solmisation enthält. Fux hat auch 1696 hier geheiratet und wurde 1741 in den Katakomben begraben (Grab nicht erhalten). Die Familie Reutter hatte Jahrzehnte lang alle Positionen an St. St. inne, wobei Georg d. J., der zu den beliebtesten Kirchenkomponisten des 18. Jh.s zählte, eher seine Verpflichtungen an der Hofkapelle als am Dom wahrnahm. Georgs Bruder Karl war 1720–36 Domorganist, Georgs Sohn P. Marian wurde am Kapellhaus ausgebildet, dessen berühmteste Schüler jedoch J. und M. Haydn waren. Zu dieser Zeit war die Kirchenmusik durch Besonderheiten wie Kirchensonaten und Intraden anstelle von Propriumsgesängen, das zeitweilige (1753–67) Verbot von Instrumentalbegleitung und im Josephinismus (1783) die Verschärfung dieses Verbots und in Konsequenz die Einführung des deutschen Gemeindegesangs gekennzeichnet. Das deutsche Kirchenlied war auch in der Metropolitankirche bereits in der 1. Hälfte des 18. Jh.s eingeführt worden, 1774 erschien das Kirchengesangbuch von J. M. Denis. Charles Burneys Bericht von seinem ersten Besuch in St. St. 1773 lobt die Messe, kritisiert aber die verstimmte Orgel. Nachfolger Reutters wurde L. Hofmann, der ab 1772 beide Kapellen leitete. Aufgrund von Hofmanns Krankheit nahm W. A. Mozart 1791 die Akzeptanz auf die Domkpm.-Stelle wahr (leider keine Rechungen erhalten). Nach Mozarts Tod war J. G. Albrechtsberger Adjunkt und 1793–1809 Domkpm.

Das 19. Jh. ist dank der Auswertung der Rechungsbücher, Anstellungs- und Bittgesuche sowie Beschwerden gut erforscht. J. Preindl war ab 1795 Kapellmeister-Adjunkt und 1809–23 Nachfolger seines Lehrers Albrechtsberger. Sein sog. Gesangbuch (Melodien von allen deutschen Kirchen-Liedern), das 1825 in dritter, erweiterter Auflage von S. Sechter herausgegeben wurde, gibt einen repräsentativen Querschnitt des Volksgesangs an St. St. Als nächster Domkapellmeister konnte sich nach einer längeren Intrige J. B. Gänsbacher (1824–44) durchsetzen. Er komponierte viel, brachte gute Aufführungen zustande, kümmerte sich um die Sängerknaben und legte ab 1827 einen noch heute erhaltenen Musikalienkatalog an. Auf ihn folgte J. Drechsler (1844–52), für den eine neue Instruktion vom 19.12.1844 galt, die die musikalischen und organisatorischen Pflichten des Domkapellmeisters regelte. Aufgrund seines Alters und seiner Gebrechlichkeit sank das Niveau der Kapelle unter seiner Leitung. Dies sollte sich mit der Bestellung des angesehenen G. v. Preyer (1853–1901), der bereits 1844 designiert war, jedoch aus unbekannten Gründen das Amt nicht angetreten hatte, ändern. Er bewarb sich 1852 erneut und dominierte – bis 1876 auch als Vizehofkpm. – die zweite Jh.hälfte.

Nachdem der designierte R. Bibl (wie sein Vater Andreas Organist bzw. Adjunkt an St. St.) 1902 gestorben war, folgten auf die Ära Preyer im 20. Jh. mit A. Weirich, Ferdinand Habel (1874–1953), A. Wesely, P. Planyavsky (Dommusikdirektor) und J. Ebenbauer fünf unterschiedliche Persönlichkeiten. Weirichs Tätigkeit (1903–21), dessen Beginn mit dem (in Wien anfangs ignorierten) Motu proprio Pius’ X. über den Choralgesang zusammenfiel, war von einem gemäßigten Cäcilianismus geprägt. Neben Palestrina bis J. J. Fux einerseits und I. Mitterer bis F. X. Witt und V. Goller andererseits führte er auch die Wiener Klassiker und J. Eybler, J. v. Herbeck, F. Krenn sowie seine Vorgänger Gänsbacher und Preyer auf. Er reorganisierte den Domchor und ergänzte die Knabenstimmen notgedrungen durch Frauenstimmen. Im und nach dem Ersten Weltkrieg musste der Volksgesang (Personal- und Geldmangel) den professionellen ersetzen. Noch stärker für die Pflege und Ausführung des Chorals setzte sich Weirichs Schüler und Mitarbeiter F. Habel, der auch Prof. an der MAkad. war, ein (1921–46). Er gründete am 22.6.1921 den Dommusikverein, verstärkte den Chor auf 50–60 Sänger und versuchte mehrmals erfolglos, das 1917 aufgelöste Sängerknabenkonvikt wieder einzuführen. Unter Habel setzte sich die Tendenz, ein möglichst vielfältiges liturgisches Programm zu bieten, fort (neben den Cäcilianern auch EA von L. v. Beethovens Missa solemnis 1927, Haydn-Zyklus 1932 und Mozart-Messen). Auch während des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges gelang es ihm, große Aufführungen im Dom, die z. T. auch im Radio übertragen wurden, zu realisieren. Beim Brand am 11./12.4.1945 ging auch das wertvolle Archivmaterial der Dommusik, darunter der Nachlass Weirichs und Habels Kompositionen, zum Großteil verloren. In den ersten Jahren des Wiederaufbaus fanden die Aufführungen in der Kirche Am Hof (Wien I) statt. Organisten waren Karl Walter (1921–46) und W. Mück (1946–69, ab 1919 2. Organist). Der Priester A. Wesely (1946–83) konzentrierte sich auf die reine Kirchenmusik (ohne Konzerte) und konnte den Dommusikverein nicht am Leben erhalten. Neue Impulse setzte P. Planyavsky, indem er die liturgischen Vorgaben des 2. Vatikanischen Konzils mit einer Bereicherung des Repertoires (evangelische Kirchenmusik, neuere Komponisten wie A. Heiller) zu verbinden suchte. Die Aufführungen wurden ins südöstliche Friedrichsschiff verlegt. Mit Planyavsky arbeitete J. Ebenbauer ab 1985 als Assistent und 1991–2005 als Domkapellmeister zusammen. Der Dommusikverein (Domchor bestehend aus Kantorei und Vocalensemble sowie Domorchester) wurde wieder etabliert (Konzertreihe Vox cathedralis), dessen Präsident ist seit 1996 H. Gattermeyer. Seit 1989 ist Thomas Dolezal (* 1965 Wien) Assistent der Dommusik.

Die erste Erwähnung einer Orgel (1334) lässt auf ein vorhandendes Portativ schließen. Um 1370 scheint in einer Urkunde ein Magister Peter auf, der Organist und vielleicht auch Orgelbauer war. Zwischen 1391/1412 baute J. Behaim, der auch 1416–26? als Organist angestellt war, eine „gros Orgel“. Diese wurde 1544 durch J. Scherer erweitert. 1507–1797 war im sog. Füchsel-Baldachin im südlichen Seitenschiff eine von Burchhard Tischlinger (Dinstlinger) aus Bozen (Bolzano/I) erbaute Orgel vorhanden. 1701 errichtete F. J. Römer eine Chororgel und 1720 eine große Orgel auf der Westempore (II/32), die 1797 vermutlich von I. Kober erweitert wurde (II/41) und 1886 durch ein neues Werk der deutschen Firma Walcker unter Beibehaltung des Römer-Prospekts ersetzt wurde (III/90; bei der öffentlichen Präsentation improvisierte auch A. Bruckner). Nach deren Zerstörung 1945 wurde die Fa. Kauffmann mit dem Bau einer Chor- (1952) und einer Hauptorgel (1960) beauftragt. Aufgrund der unbefriedigenden Akustik wurde nach langen Planungen 1991 eine neue Rieger-Orgel (IV/55) im Friedrichsschiff aufgestellt, die als Hauptorgel konzipiert ist. Ein Hornwerk ist 1458 verbrannt. Von den insgesamt 22 Glocken stehen 19 in Verwendung. Im Südturm befindet sich das elfstimmige Festgeläute (darunter der „Stephanus“ mit 5.700 kg, Schlagton g). Die berühmteste Glocke war die wegen ihres tiefen Klangs so genannte Pummerin im Südturm (1945 zerstört, die neue, 1952 geweihte Glocke hängt im Nordturm, Schlagton c). Mit allen Klischees wird der „alte Steffel“ in Wienerliedern (u. a. von F. P. Fiebrich, H. Hauptmann, Hans Lang/E. Meder und C. Lorens) besungen. 1998 etablierte sich Radio Stephansdom als Sender für klassische Musik und Informationssendungen aus dem kirchlichen Bereich.

TD: CD Glocken u. Orgelimprovisationen (P. Planyavsky), Motette CD 12371 (1998).

Lit: M. Ebenbauer, Die Dommusikkapelle St. St. im Wien des 19. Jh.s. Mit einem Abriss ihrer Gesch. vom 12.–20. Jh., Dipl.arb. Wien 2002; H. Brunner, Die Kantorei bei St. St. zu Wien 1948; C. F. Pohl, Joseph Haydn 1 (1878), 27–55; J. Mantuani, Gesch. der Musik in Wien 1 (1904); R. Strohm in Mus. disc. 38 (1984); Th. Hochradner/G. M. Vörösmarty in Stud. mus. 41 (2000); Fux-GA I/2, hg. v. H. Federhofer 1971; R. Flotzinger in A. Edler/F. W. Riedel (Hg.), [Kgr.-Ber.] Johann Josef Fux u. seine Zeit. Hannover 1991, 1996; Beiträge v. C. Schneider, F. Kosch u. O. Eberstaller in Musica Divina 21/7–8 (1933); Beiträge v. G. Schmitz u. M. Wilhelm in SK 46 (1999); M. Kröpfl, Katholische Kirchenmusik im Ständestaat, Dipl.arb. Wien 2004; G. Lade, Orgeln in Wien 1990 [mit Abb.en]; Orgelmusikverein St. St. (Hg.), Domorgel St. St. Wien. Fs. zur Orgelweihe am 13. September 1991, 1991; BrucknerH 1996; Czeike 5 (1997) [Stephansdom]; M. Jahn/M. Ebenbauer, Die Musikhss. des Domarchivs St. St. in Wien 2005; www.wiener-dommusik.at (7/2005).

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