In den 1640er Jahren Schüler von Giov. Valentini in Wien, war 1647–56 Organist in Brüssel bei Erzhzg. Leopold Wilhelm, auf dessen Kosten er bei Giacomo Carissimi in Rom studierte. 1656–73 Vize- bzw. Hofkapellmeister in München. 1657 wurde mit K.s Oper Oronte das Münchner Opernhaus eröffnet; 1658 komponierte er die Krönungsmesse für Kaiser Leopold I. und wurde 1664 von diesem geadelt. 1673 ging K. nach Wien, erhielt 1675 eine Pension von Leopold und wurde 1677 als Hoforganist beschäftigt (eine vermutete Tätigkeit als Domorganist an St. Stephan ist nicht nachweisbar). Seit 1684 war er wieder in München tätig. Zu seinen Schülern zählt u. a. A. Steffani. In seinen Klavierwerken folgt K. der Tradition eines Girolamo Frescobaldi bzw. J. J. Froberger, der auch Vorbild für K.s Suiten lieferte, und ist maßgeblich an der Entwicklung „von den locker gefügten Formen zu einheitlich und typisch durchgebildeten Stücken“ beteiligt. Von seinen Opern ist keine Musik überliefert, einzig ein Schuldrama (Pia et fortis mulier S Natalia S Adriani martyris coniuge expressa, Wien 1677) zeigt Einblicke in seinen dramatischen Stil. Als anfangs Giovanni Pierluigi da Palestrina nacheifernder Messen-Komponist hat K. eine konzertante Technik entwickelt, die gelegentlich Sinfonien und Sonaten einschließt. Ein zuverlässiges Werkverzeichnis K.s ist bislang an den zahlreichen verschollenen bzw. z. T. fälschlich zugeschriebenen Kompositionen gescheitert.
W: 18 überlieferte Messen; Requiem-Vertonungen; weitere kirchliche Vokalwerke; 11 Opern (Musik nicht erhalten, Autorschaft z. T. zweifelhaft); Kantaten; Orgel- und Klavierwerke. – Div. Ausg.: u. a. DTÖ 49 (1918; 2 Messen); Sämtliche Werke für Tasteninstrumente 1991ff.; ebenso in Diletto Musicale 1203–6, 1994.
Lit: NGroveD 13 (2001) [mit WV]; MGG 7 (1958) [mit WV]; Riemann 1959 u. 1972; Czeike 3 (1994) [Kerrl]; H.-J. Olszewsky in Biographisch-bibliographisches Kirchenlexikon 1992; Knaus 1968; R. Schaal, Quellen zu J. K. Kerll 1962; MGÖ 1 (1995).
UH