Über seine Herkunft ist nichts bekannt, bereits 1674 ist er in Wien als „Nottist“ nachweisbar. Ab ca. 1676/77 dürfte er in Diensten am Wiener Kaiserhof gestanden haben. 1683 wird er in die Hofmusikkapelle als Orchesterdiener und Kopist aufgenommen. 1699 erhielt er den Titel „Kayserlicher Musicus“ (obwohl er anscheinend nicht musikalisch tätig war), später zeichnete er als „kaiserlicher musikalischer Konzertmeister“ und war für die organisatorischen Belange der HMK zuständig. 1712 berief ihn Karl VI. in die Kommission zur Neuordnung der Hofkapelle. Sein Amt bekleidete er bis zum Tod, sein Vormerkbuch der Musikdienste der Hofkapelle stellt eine der wichtigsten Quellen zur Geschichte der kaiserlichen Hofmusik an der Wende vom 17. zum 18. Jh. dar.
Schr: Rubriche Generali Per le Funzioni Ecclesiastiche Musicali di tutto l’Anno Con un’ Appendice in Fine dell’ Essenziali ad Uso, e Servizio dell’ Augustissima Austriaca, ed Imperiale Capella 1727 (Manuskript ÖNB, Auszüge bei Köchel 1869).
Seine Söhne
Joseph Franz: * 1684/85 Wien, † 27.9.1727 Wien. Violinist. War ab 1706 Mitglied der HMK und wird auch als „Musicus“ an St. Stephan bezeichnet. 1725 war er einer der beiden „Festaruoli“ (Veranstalter der Festbegräbnisse) in der Cäcilien- Bruderschaft. J. J. Fux lobte seine Virtuosität.
Karl Mathias (Matthias Carl): * 1710/11 Wien, † 31.1.1767 Wien. Organist. War Schüler seines Cousins J. G. R. und ab 1723 Hofscholar. 1739 zum kaiserlichen Hof- und Kammerorganist berufen, übte er dieses Amt bis 1762 aus.
W: Requiem, Litanei.
Kilians Neffe Johann Georg: * 1676/77 Wien?, † 6.11.1742 Wien. Organist, Kapellmeister, Komponist. Wurde von seinem Onkel erzogen und 1701 in die HMK aufgenommen. Über seine musikalische Ausbildung ist nichts bekannt. Zunächst Gehilfe der Hoforganisten F. T. Richter und F. M. Techelmann, berief man ihn 1710 zum regulären Hoforganisten; 1712 2. Hoforganist, 1728 als Nachfolger G. Reutters d. Ä. 1. Hoforganist. 1734 erhielt er den Titel „Hofkompositor“ und galt in der Folge als einer der möglichen Nachfolger von J. J. Fux als Hofkapellmeister. 1740 erfolgte seine Pensionierung. 1727–42 wirkte er auch als Kapellmeister beim Gnadenbild Maria Pötsch zu St. Stephan, bereits 1725 wird er als einer der sechs Räte der Cäcilien-Bruderschaft genannt. Um 1730 soll er auch Chorregent des Wiener Schottenstiftes gewesen sein. Im Kirchenmusikrepertoire der Hofkapelle jener Zeit sind R.s Werke neben jenen von M. A. Ziani, J. J. Fux und A. Caldara am stärksten vertreten.
W: Messen, kleinere Kirchenmusik, Oratorien (Il divino Imeneo di Santa Catterina 1716).
Söhne von Joseph Franz:
Johann Franz: * 1713/14 Wien, † 21.4.1761 Wien. Violinist. Schüler seines Vaters, gehörte 1730–61 der HMK an und war ab 1740 auch an St. Stephan tätig. Dessen Sohn Leopold (* ca. 1740 Wien, † 24.1.1806 Wien) wird 1784 als „Musicus im Kayl. Königl. National Theater“ (Burgtheater) erwähnt, 1795–1806 gehörte er als Violinist der HMK an.
Nikolaus (Niklas): * 1717 Wien, † 30.6.1798 Wien. Kirchenmusiker. Ist 1784 und 1798 als Musiker bei St. Stephan belegbar, 1788 erscheint er als „Esenzial Musicus“. Von seinen Söhnen waren zwei, Joseph (* ? Wien?, † vor 1806? [Ort?]) und Anton (* ? Wien?, † nach 1806 [Ort?]), ebenfalls Musiker. J. R. erscheint 1798 als „Musicus bei S. Salvator auf der Wieden“, A. R. dagegen wird 1806 als Musiker bezeichnet, nachdem er zuvor als Schreiber tätig gewesen war.
Nicht geklärt sind derzeit (2005) die Verwandtschaftsverhältnisse von Franz (* ca. 1742 [Ort?], † 4.7.1819 Pressburg; Musiker), Karl (* ca. 1715 [Ort?], † 7.9.1763 Wien; 1755–63 Organist im Wiener Schottenkloster) und Johann Georg d. J. (* ca. 1743? Wien?, † nach 1779 [Ort?]; Musiker).
Möglich ist auch eine Verwandtschaft mit dem Geiger Philipp Reichart * ca. 1621 [Ort?], † 19.5.1649 Wien) und dem als Musiker bzw. Organisten bezeichneten Anton Reichard (* ca. 1685 [Ort?], † 29.6.1730 Wien).
Lit: NGroveD 21 (2001); MGG 11 (1963); [Kat.] Musica Imperialis 1998; L. R. v. Köchel, Johann Joseph Fux 1872; EitnerQ 8 (1902); Köchel 1869; Knaus 1968 u. 1969, 1969a; Riemann 1975; Dlabacž 1815; M. Czernin, [Fs.] Die neuen Mathis-Orgeln in der Abteikirche Unserer Lieben Frau zu den Schotten in Wien 1996, 22; GerberNTL 3 (1813/14); Wurzbach 25 (1873); MGÖ 2 (1995); WStLA (G. Gugitz, Auszüge aus dem TBP 18. Jh. [Archivbehelf]; G. Gugitz, Auszüge über Persönlichkeiten des Wr. Kulturlebens [Archivbehelf]; G. Gugitz, Auszüge aus den Totenbeschaubüchern 1648–1699 [Archivbehelf]; Portheim-Kat.; versch. Verlassenschaftsabhandlungen der Familie R.).
ChF