Reutter, Familie
Georg d. Ä.: * get. 3.11.1656 Wien, † 29.8.1738 Wien. Organist, Theorbist und Komponist.

G. R. war wahrscheinlich Schüler von J. C. Kerll, dem er 1686 als Organist zu St. Stephan in Wien folgte. Nach einem Aufenthalt in Italien 1695 wurde er 1696–1703 als Theorbist, 1700 bis zu seinem Tod auch als Hoforganist an der Wiener Hofmusikkapelle angestellt. 1712 wurde er als Nachfolger von J. J. Fux Vizekapellmeister und 1715 (bis 1728) Kapellmeister zu St. Stephan. Von seinen Zeitgenossen wurde R. als Instrumentalist hoch geschätzt; von seinen Werken stechen insbesondere virtuos gehaltene Toccaten und zahlreiche Versetten für Orgel hervor. Von seinen 15 Kindern aus drei Ehen wurden zwei Söhne Musiker:

Karl Joseph (* 6.5.1699, † 17.3.1736), ab 1720 Organist zu St. Stephan.

Johann Adam Joseph Karl Georg (R. von Rittersfeld) d. J.: get. 6.4.1708 Wien, † 11.3.1772 Wien. Komponist. Musikalischen Unterricht bekam er bei seinem Vater und A. Caldara, der ihm den aktuellen Opernstil nahebrachte: Schon 1727 wurde am Wiener Hof G. R.s erste Oper Archidamia aufgeführt. Nach drei erfolglosen Versuchen, die Stelle des Hoforganisten zu erhalten, ging er um 1730 nach Italien (Venedig und Rom). Nach seiner Rückkehr wurde er 1731 zum Hofkomponisten ernannt; im selben Jahr heiratete er die Opernsängerin Ursula Anna Theresia Holzhauser (* 22.10.1708 Wien, † 7.4.1782 Landstraße [heute Wien III]). Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder (Karl, Elisabeth) hervor. Nach dem Tod seines Vaters übernahm er die Stelle des 1. und im Jahr 1756 auch des 2. Domkapellmeisters zu St. Stephan. 1740 wurde er geadelt, 1747 erfolgte die Ernennung zum 2. Hofkapellmeister. Nach der Beurlaubung des 1. Hofkapellmeisters L. A. Predieri 1751 übernahm R. die Leitung der Hofkapelle, den Titel des 1. Kapellmeisters erhielt er aber erst nach dem Tod Predieris 1767. Aufgrund der Veränderungen in der Verwaltung und Besoldung Maria Theresias und des beschränkten Budgets ließ R. die in der Hofkapelle frei gewordenen Stellen unbesetzt, was zum quantitativen und qualitativen Verfall der Hofkapelle führte.

Abgesehen davon zählte R. zu den einflussreichsten und fruchtbarsten Wiener Kirchen-, Opern- und Oratorienkomponisten seiner Zeit; seine Kirchenwerke wurden bis ins 19. Jh. aufgeführt. Sein Opern- und Instrumentalstil verrät in vielerlei Hinsicht (hochidiomatischer, virtuoser Violinstil, Verwendung verschiedener Unisono-Techniken, konzertanter Instrumente, Einsatz des Bläsertrios in selbständigen Abschnitten wie in Zenobia, 1732, Doppelchörigkeit u. a.) deutlichen Einfluss Caldaras in Verbindung mit den aktuellen, aus Neapel stammenden stilistischen Tendenzen.

G. R. d. J. Sohn P. Marian(us) OCist (Karl): * 11.1.1734 Wien, † 21.10.1805 Wien (begr. Heiligenkreuz/NÖ). Geistlicher. Erhielt seine musikalische Ausbildung im Kapellhaus zu St. Stephan, wo er mit dem jungen J. Haydn bekannt war. 1753 trat er (gemeinsam mit P. C. Scheupflug) ins Zisterzienserstift Heiligenkreuz ein und feierte 1757 seine Primiz. Anschließend lehrte er bis 1761 Theologie im Stift, war 1766–68 bzw. 1776–78 als Bibliothekar und Novizenmeister tätig und danach als Seelsorger in inkorporierten Pfarren. 1787–90 Kommendatar-Abt und 1790–1805 Abt von Heiligenkreuz. Er galt als guter Musiker und ausgezeichneter Violinist, durch ihn gelangte der umfangreiche musikalische Nachlass seines Vaters nach Heiligenkreuz. Während seines Abbaziats baute I. Kober die große Orgel (II/52) in der Stiftskirche.

Lit: MGG 11 (1963) u. 16 (1979); NGroveD 21 (2001) [mit WV]; EitnerQ 8 (1902); Wurzbach 25 (1873); L. R. v. Köchel, Johann Josef Fux 1872; ; C. F. Pohl, Joseph Haydn 1 (1878), 37–44; Köchel 1869; M. Seiffert, Gesch. der Klaviermusik 1988; L. Stollbrock in VfMw 8 (1892); N. Hofer, Die beiden R. als Kirchenkomponisten, Diss. Wien 1915; N. Hofer, Thematisches Verzeichnis der Werke von G. R. jun. [Ms., A-Wn]; F. W. Riedel, Kirchenmusik am Hofe Karls VI. (1711–1740), 1977; B. C. MacIntyre, The Viennese Concerted Mass of the Early Classic Period 1986; F. W. Riedel, Quellenkundliche Beiträge zur Gesch. der Musik für Tasteninstrumente in der 2. Hälfte des 17. Jh.s 1960, 21990; MGÖ 2 (1995); A. P. Brown in D. W. Jones (Hg.), Music in eighteenth-century Austria 1996; A. Niemetz, 800 Jahre Musikpflege in Heiligenkreuz 1977; WStLA (TBP 1805).

DG/ChF