Tirol
Seit 1919 österreichisches Bundesland, das Nordtirol (Hauptstadt Innsbruck) nördlich und Osttirol (Hauptort Lienz) südlich des Alpenhauptkamms umfasst.

Zuvor mit Südtirol und Trentino österreichisches Kronland. 1938–45 gehörten zum Reichsgau T. auch Vorarlberg, ferner ab 1943 Bozen (Bolzano/I), Trient und Belluno/I, während Osttirol damals Teil des Reichsgaues Kärnten war. 1831 schrieb der sächsische Dichter J. Mosen nach einem T.-Aufenthalt seine Ballade Zu Mantua in Banden. In ihr werden Andreas Hofer als Held der T.er Freiheitskämpfe von 1809 und seine Hinrichtung auf Befehl K. Napoleons 1810 in Mantua/I besungen. 1844 vertonte L. Knebelsberger Mosens Gedicht, das Lied wurde rasch populär und 1948 durch Landtagsbeschluss T.er Landeshymne (s. Nb.; Hymnen).

Die habsburgische Hofhaltung in Innsbruck führte zu Glanzzeiten der Musikgeschichte T.s von überregionaler Bedeutung, insbesondere unter K. Maximilian I. (1490–1519 T.er Landesfürst), Erzhzg. Ferdinand II. v. T. (reg. 1564–95, in Innsbruck ab 1567) und Erzhzg. Ferdinand Karl (reg. 1646–62); damals wirkten hier die besten Musiker und Komponisten ihrer Zeit, internationales Repertoire mit stilistisch universellem Anspruch erklang auf höchstem Niveau. Das Ansehen T.s in der Musikwelt um 1600 erklärt B. Amons ständiges stolzes Namensattribut Tyrolensis. In der Musikkultur des Innsbrucker Hofes wurzeln auch die Anfänge des heutigen Tiroler Landestheaters.

Neben der Innsbrucker HMK und nach deren Auflösung 1724/48 waren die Klöster und Pfarrkirchen samt ihren Schulen bedeutende Musikinstitutionen. Die dem Hof nahe stehenden Jesuiten hatten Niederlassungen in Innsbruck und Hall i. T., die Benediktiner in St. Georgenberg-Fiecht, die Zisterzienser in Stams, die Prämonstratenser in Wilten, die Serviten in Innsbruck und auf Maria Waldrast (seit ca. 1465 Wallfahrtsort, Grundsteinlegung des Klosters 1621), 1817–1971 auch in Rattenberg, die Augustiner-Eremiten in Seefeld (1604–1785) und Rattenberg (1384–1817), die Franziskaner in Innsbruck, Hall i. T. (seit 1644) und Schwaz (seit 1507), ferner in Telfs, Reutte und Lienz. Unter den Frauenklöstern pflegten die Dominikanerinnen zu Mariathal/Kramsach und Lienz, die Servitinnen zu Innsbruck (Regelhaus und Versperrtes Kloster), die Augustiner-Eremitinnen zu St. Magdalena im Halltal (1447–1500, danach in Hall und ab 1522 in Schwaz) die Musik. Die Klarissen von Hall (1724–82), eine Tochtergründung ihres ebenso musikbeflissenen Klosters in Brixen, hatten hervorragende Musikerinnen in ihren Reihen, auch eine fleißige Notenkopistin. In nahezu allen Klosterkonventen fanden sich außer den beinahe selbstverständlichen Musiker(inne)n auch Komponist(inn)en, ferner z. T. Instrumentenmacher. Die Schul- und Musikausbildung der Jugend war wohl eine Domäne der Männerklöster, doch richtete das Damenstift Hall 1590 eine Sängerknabenstiftung ein. Die Singknaben-Tradition hat sich noch im Stift Wilten mit externen Schülern erhalten.

Pfarrschulen, deren Schulmeister mit der Ausbildung von Singknaben und Instrumentalisten auch einen grundlegenden Beitrag für die musikalische Gestaltung von Gottesdiensten leisteten, sind in T. später als in Südtirol bezeugt, in Innsbruck erstmals 1204, in Lienz 1237. Die Schulmeister kamen oft von weit her, z. B. in Schwaz 1507 Matthäus Weiß aus Breslau (Wrocław/PL), spätere aus Bayern, Württemberg/D oder Polen. Im 17. Jh. sind Schulmeister als Musiklehrer und Kirchenmusiker nachgewiesen etwa in Steinach am Brenner oder Matrei (Ost-T.). In der Pfarrkirche Zirl waren nur Knaben und Männer als Sänger zugelassen, die dort erst spät geduldeten Frauen mussten noch um 1900 ledig sein. Nicht selten wurde das Amt des Pfarrorganisten vererbt: In Schwaz versahen es Mitglieder der Familie Tschortsch über drei Generationen, von ihnen ragt Johann Georg Tschortsch (1681/82–1736/37) als Komponist heraus. Schon J. A. Holzmanns Vater war Pfarrorganist von Hall, sein Stiefvater Johann Prohaska dort Pfarrmusikus. J. B. Falk in Innsbruck folgte seinem Vater G. P. Falk. Pfarrorganisten wie -chorregenten waren oft gleichzeitig Schullehrer und Mesner oder, wie J. G. Tschortsch, in Innsbruck J. B. Falk, J. E. de Sylva, Lambert Streiter (1869–1947) oder K. Koch, Geistliche. In der seit 1964 bestehenden Diözese Innsbruck (T. östlich des Zillertals gehört zur Diözese Salzburg) besteht oft heute noch die Personalunion von Schullehrer und Kirchenmusiker. Selbst professionelle Organisten und Chorregenten wie an Innsbruck/St. Jakob (Dom, 2005: Reinhard Jaud, Christoph Klemm), Innsbruck/Stift Wilten (2005: K. Estermann, Norbert Matsch), Innsbruck/Dreiheiligen (2005: Organist Ernst Kubitschek), Pfarrkirche Hall (2005: Organist Hannes Christian Hadwiger) nehmen ihre kirchenmusikalische Tätigkeit nicht hauptamtlich wahr, sondern zusätzlich zu einem musikalischen Lehrberuf.

Orgeln stehen in T. seit dem 1. Drittel des 15. Jh.s in kirchlichem Gebrauch. Einer Reihe von erhaltenen T.er Pfarrmusikarchiven ist zu entnehmen, dass die Kirchenmusik ein Repertoire an Werken lokaler wie überregional verbreiteter Komponisten prägte. Im 18. Jh. erklangen selbst in der Kleinstadt Vils Kontrafakturen italienischer Opernarien. Ab der 2. Hälfte des 19. Jh.s dominierte, ausgehend von Süd-T., bis in die kleinsten Dorfkirchen der Cäcilianismus, nachdem um die Mitte des 19. Jh.s sog. Landmessen weite Verbreitung gefunden hatten und die Organisten gern eine Tanzmelodie als Zwischenspiel einflochten. Der Musikalienbestand der Pfarrkirche und Musikkapelle von Vils veranschaulicht exemplarisch die durch Jh.e enge Verflechtung von Pfarr- und Blasmusik in T. (Blasorchester).

Deutscher Kirchengesang (Kirchenlied) wird bereits für das 15. Jh. angenommen, mit Christ ist erstanden ist ein deutsches Kirchenlied (Osterlied) 1508/09 im Haller Heiltumbuch des Ritters Florian Waldauf erwähnt. In T. erschienen früh deutsche katholische Gesangbücher (Kirchengesangbuch), als erstes 1524 der Hymnarius durch das ganntz Jar [...] mit Text und leeren Notenzeilen (Impressum Sygmundslust, bei Vomp/Bezirk Schwaz, ein ehemaliger Ansitz Erzhzg. Sigmunds von 1470, wo 1520–26 die erste Druckerei T.s bestand, RISM 152406), 1588 in kompletter Ausgabe mit Text und Noten das Catholisch Gesangbuechlein (RISM 158805), letzteres nur vielleicht in gegenreformatorischer Intention. Noch im Winter 1566/67 hatte man den Lateinschulmeister Thomas Ferholtz zu Rattenberg wegen „Singung der teutschen verfelschten Psalmen in der Kirchen“ entlassen, obwohl dies „im gantzen Landgericht“ bereits Usus geworden war. 1668 hingegen erlangten „deutsche Kirchensinger“ in Kitzbühel bischöfliche Patronanz, um 1700 sind sie in Matrei belegt. Im Tannheimer Tal bürgerten sich deutsche Kirchengesänge erst zu Beginn des 19. Jh.s ein, da es bis 1816 zur Diözese Augsburg/D gehörte und deren eigenen liturgischen Vorschriften folgte.

Die T.er Knappen aus den Bergbaurevieren von Hall oder Schwaz verstanden es vortrefflich, „weltlich vnd geistlich Lieder“ zu singen. Sie gaben ihre Gesänge auch in Klöstern und bei Hof oder 1570 sogar als Begleitung Erzhzg. Ferdinands auf dessen Reise nach Prag zum Besten. Im 18. Jh. bildete sich in Imst eine instrumentale Knappenmusik. Die noch heute bestehenden Knappenkapellen von Hall, Schwaz oder Fieberbrunn sind Gründungen des 19. Jh.s, berufsspezifische Formierungen von damals allgemein modernen Blaskapellen (Blasorchester), die zwar heute noch in Bergmannsuniform ausrücken, doch nach der Auflassung der Bergwerke längst keinen ständischen Bezug zum Bergbau mehr haben. In Schwaz entstand 1532 die erste Meistersingerschule Österreichs.

Eigene MSch.n gab es auf Privatinitiative hin mehrere bereits zu Beginn des 19. Jh.s, besondere Bedeutung erlangte diejenige des 1818 gegründeten Innsbrucker Musikvereins . Sie ging über in die MSch. der Stadt Innsbruck, zu ihr kam 1957 das Städtische Konservatorium. 1987 wurde die MSch. der Stadt Innsbruck verselbständigt (Schuljahr 2005/06: 3.450 Schüler), 1990 das Konservatorium zum T.er Landeskonservatorium erhoben für künstlerische und pädagogische Diplomstudien sowie Lehrgänge für Volksmusik, Blasorchesterleitung, Jazz, Popularmusik. Nach 1945 gründeten in vielen Gemeinden verschiedene Träger MSch.n, deren Ausbildungsstandard und Organisation ständig verbessert wurden. 1990 bestanden in T. über 60 MSch.n. 1992 beschloss der T.er Landtag ein Gesetz zur Regelung des Musikschulwesens. Seither sind im T.er Musikschulwerk 26 Landes-MSch.n und 5 MSch.n sonstiger Träger (diese ebenfalls vom Land T. gefördert) verbunden. An den über das ganze Land verteilten Landes-MSch.n wurden im Schuljahr 2004/05 16.693 Schüler unterrichtet.

Musikalische Jugendarbeit leisten nachhaltig auch die T.er Blasmusikkapellen, die mit speziellen Ausbildungsangeboten eine alte Tradition weiterführen. Von den städtischen Thurnern und Spielleuten über fürstliche Trompeter, Trommler und Schwegelpfeifer der Schützen, Pfarr- und v. a. Militärmusiker führt ein Jh.e langer Weg zu den heutigen Ensembles, die sich früher wie heute Modeerscheinungen in musikalischem Repertoire und Instrumentarium ständig anpassen und wandeln. T.er Bildzeugnisse aus dem 18. Jh. zeigen, dass Blaskapellen damals bei repräsentativen öffentlichen Ereignissen unabkömmlich waren, so wie es heute noch in T. unerlässlich ist. T. hat derzeit mehr Musikkapellen (300) als Gemeinden (279). Sie sind seit 1947 im Blasmusikverband T. organisiert (Präsident ist [2005] EU-Kommissar a. D. Franz Fischler). Zur Legende österreichischer Blasmusik im 20. Jh. wurde der T.er S. Tanzer.

Praktische Musikausbildung auf Univ.s-Ebene bietet in T. eine Zweigstelle des Mozarteums in Innsbruck an. Musik als wissenschaftliche Disziplin besteht an der Univ. Innsbruck seit 1920 (institutionalisiert von R. v. Ficker, unter ihm 1925/26 endgültig – erstmals in einem österreichischen Bundesland – als Lehrkanzel eingerichtet; Nachfolger: W. Fischer [1928–38, 1948–57], W. Ehmann [1940–45], H. v. Zingerle [1957–70], W. Salmen [1974–92], T. Seebaß [seit 1993]; ao. Prof. W. Senn war ein Pionier der landeskundlichen Musikforschung). Nach Einzelinitiativen im 19. Jh. nahm die Volksmusikforschung in T. institutionell ihren Anfang 1905 mit der Gründung des Arbeitsausschusses für T. und Vorarlberg unter dem Germanisten Josef Wackernell, als Zweig des Österreichischen Volksliedunternehmens . Nach dessen Überführung in das Österreichische Volksliedwerk 1945 stand dem T.er Volksliedwerk mit seinem Volksliedarchiv der Germanist und Volkskundler Anton Dörrer vor, seine Nachfolger wurden W. Senn (1961), N. Wallner (1967), K. Horak (1977), Manfred Schneider (1989). Arbeitsschwerpunkte sind seit M. Schneider Feldforschungen in ganz T. mit der Präsentation ihrer Ergebnisse für die Allgemeinheit in wissenschaftlichen Publikationen, innovativ in Konzertveranstaltungen, CD- und begleitenden Noteneditionen, auch multimedial im Internet.

„Ohne Lieder, Tanz und Jagd kann der T.er nicht leben“, stellte Adolf Anton Schmidl in seinem Handbuch für Reisende nach T. 1840 fest, wobei die Volkslieder „was immer für Gegenstände behandeln“. Viele Lieder sind an Brauchtum gebunden, groß ist der Schatz an weihnachtlichem Liedgut. Ständelieder (u. a. des Alm- und Jagdwesens), Liebeslieder, Schnaderhüpfel (G’stanzl), Jodler, Tänze (u. a. Menuette, Ländler, Deutsche, Schuhplattler, Polka; Volkstanz) gehören zum Inbegriff T.er Volksmusik. Tanzhäuser gab es in Städten und alten Gerichtsorten, im 15. Jh. z. B. in Innsbruck, Lienz, Aschau im Lechtal. Im 16./17. Jh. dienten in der Gegend um Innsbruck und im Oberland Spieltennen als Tanzhäuser, in Kitzbühel tanzte man im Rathaus.

Typische Volksmusikinstrumente in T. sind u. a. die Geige und Harfe im Zillertal, die Harfe auch im Unterinntal, das diatonische Hackbrett in Ost-T. Bei Arbeit und Brauch der bäuerlichen Bevölkerung finden wir archetypische Musikinstrumente wie Tierhörner und elementare Musikinstrumente wie Schellen, Glocken, Peitschen, Ringelstock. Die Maultrommel diente dem Liebeswerben und der Kurzweil. J. H. Hörmann hat für sie um 1730 eine Partita (Suite) mit Begleitung von Flöten, Violinen und Basso continuo komponiert. Bodenfunde von Archäologen in T. weisen Maultrommeln vom ca. 14. bis zum 18. Jh. nach, Knochenflöten ab dem 13./14. Jh. Das Hölzerne Glachter (Xylophon), ursprünglich ein Instrument bei der Tanzmusik, machten die Nationalsaenger zum Präsentationsobjekt.

Im 18. Jh. und zu Anfang des 19. Jh.s zog es viele T.er Wanderhändler ins Ausland. Sie boten ihre Waren feil und sangen Lieder aus der Heimat, die in der Fremde Anklang fanden. V. a. machten sich die originellen und geschäftstüchtigen Zillertaler das allgemeine, auch in höfischen Kreisen erwachte Interesse am Volkslied nutzbar. Die Französische Revolution und die Napoleonischen Feldzüge hatten das T.ische Nationalbewusstsein bestärkt, so dass in einer Zeit des romantisierenden Enthusiasmus für die Alpen Volkslieder und Jodler T.s zum begehrten, eigenständigen Exportartikel werden konnten, umgesetzt in klingende Münze. T. avancierte zum Markenzeichen in Musik, Tanz, Dichtung, Mode. Stimmbegabte, von Natur aus sangeskundige T.er schlossen sich als Natursänger oder Nationalsänger in Gruppen zusammen und bereisten die Welt; sie boten einem Publikum aller sozialen Schichten ursprünglich Volkslieder aus T., später eigene oder fremde Kompositionen, klischeehafte Gebilde wie Tirolerlieder. Showmäßige Vorführungen nahmen landläufigen Folklorismus vorweg. Der Mode, à la Tyrolienne zu komponieren, folgten auch L. v. Beethoven, G. Rossini oder F. Liszt. Die ersten, auf Dauer berühmtesten Nationalsänger waren die Geschwister Rainer aus dem Zillertal. Von dort kamen ferner die Strasser-Familie, die Gebrüder Leo, die Geschwister Hauser, Maria Egger-Rieser mit den Nationalsängern Oberforcher; aus dem Oberinntal z. B. stammten die Geschwister Meister, die Gesellschaften Haas und Tschiderer. Im Gefolge der Nationalsänger machten im 19. Jh. aus T. gebürtige Zithervirtuosen wie Karl Fittig, Balthasar Mitterer, F. Ringler, Paul Rudigier international die Zither zum prototypischen alpenländischen Instrument. Ab ca. 1950 war die Engel-Familie (P. Engel) aus Reutte über drei Jahrzehnte lang in aller Welt (volks)musikalischer Botschafter T.s Franz Posch (* 1953 Hall i. T.) wurde mit seiner TV-Sendung Mei liabste Weis’ (ORF T., seit 1988) zum Publikumsliebling und Prototyp eines T.er Volksmusikanten zwischen Pflege der Tradition und Showgeschäft.

In der 2. Hälfte des 19. Jh.s lebten viele Männerchöre auf zur Pflege von Musik und Geselligkeit, Frauen etablierten sich in den Chören erst Anfang des 20. Jh.s. Die Gründung der Innsbrucker Liedertafel 1842 setzte den Anfang für das organisierte Chorwesen in T. 1860 enstand ein erster Dachverband, der T.er Sängerbund . Als Sängerkreis T. wurde er 1938 dem Deutschen Sängerbund einverleibt. 1946 konstituierte sich neu der T.er Sängerverband, dazu erfuhr der ehemalige T.er Sängerbund 1952 eine Neugründung. Diese beiden Vereine fusionierten 1996 zum T.er Sängerbund, der alle Chöre Nord- und Ost-T.s einschließt, zum Jahresende 2005 354 Chöre mit ca. 7.800 Sänger(inne)n.

Bis heute arbeiten Musikinstrumentenmacher in T. Seit dem Ende des 15. Jh.s sind in Innsbruck Glockengießer nachgewiesen, unter ihnen die Dynastie der Löffler bis in das 17. Jh. Von alten Traditionsbetrieben haben die Familien Grassmayr (Glockenguss) und Scherl (Schellenschmiede, seit 1703) in Schnann (Stanzertal, Bezirk Landeck) bis jetzt überdauert. Orgelbauer sind seit der 2. Hälfte des 15. Jh.s bekannt, als ältester B. Streng 1487–1508 in Pettneu am Arlberg. Außer in Innsbruck und Hall unterhielten Orgelbauer Werkstätten in Matrei am Brenner (Familie Fuchs, seit Anfang 18. Jh.), in Oberperfuß (Familie Weber, 18./19. Jh.), in Schwaz (J. Aigner, 19. Jh.), im Zillertal (Familie Mauracher, 18./19. Jh.), in Steinach am Brenner (Familie Reinisch, seit 1833). Aus Vils stammten Orgelmacher der Familie Wörle (18. Jh.), die in Bozen bzw. Rom reüssierten. Derzeit sind als Orgelbauer tätig die Pirchner Orgelbau GmbH & Co KG in Steinach am Brenner, Thomas Sittler in Biberwier, Christian Erler in Schlitters.

Der Ruf des T.er Geigenbaus gründet sich auf J. Stainer. Über die Geigenbauer der Landeshauptstadt hinaus wurden die Vilser Geigenmacher Eberle, Rief, Petz, Wörle erfolgreich, G. Aman(n) in Augsburg, A. Posch in Wien. Seit 1996 hat sich Geigenbaumeister Arnold Posch (* 1967 Innsbruck) in Hall auf Restaurierungen und Stainer-Nachbau spezialisiert, weitere Geigenbauer arbeiten in Innsbruck (Bernhard Costa, Wolfgang Kozák) und Kufstein (Hans Ulrich Roth), in Flaurling experimentell Dieter Ennemoser. Siegfried Graf in Buch bei Jenbach stellt Teufelsgeigen (Süd-T.) her. Seit ca. 1900 arbeiten im T.er Unterland und in Ost-T. namhafte Harfenbauer, sie erzeugen z. B. auch Hackbretter. Zu den Kunden des Haller Gitarren- und Kontrabassbauers Hermann Erlacher zählen die (Zillertaler Schürzenjäger und andere renommierte Ensembles der volkstümlichen Musik; für sie baut er Individualmodelle wie eine rot-weiß-rote Gitarre, die Korpusform analog dem Umriss von Österreichs Landesgrenzen, Elektro-Zithern oder einen nur 121 cm langen Kontrabass für den amerikanischen Jazzer David Friesen. Zupfinstrumentenbaumeister Mathias Tilzer (* 1969 Bludenz/V) in Innsbruck hat als Schwerpunkt Gitarrenbau. In Wattens begann 1952 Otmar Hammerschmidt (1907–56), ein Nachfahre von Musikinstrumentenmachern in Böhmen, Klarinetten zu erzeugen. 1974/76 übernahm die fünfte Generation Hammerschmidt den Betrieb, heute betreibt die Musik Hammerschmidt GmbH neben der Produktion den Verkauf, auch von Klavieren und elektronischen Musikinstrumenten mit Filialen in Innsbruck und Imst. Herbert Neureiter führt in Söll (Bezirk Kufstein) einen Meisterbetrieb für Holzblasinstrumente seit 1994, Norbert Joast in Lienz eine Meisterwerkstätte für Blasinstrumente seit 1998. Gerold Angerer baut Klarinetten in Fritzens.

Aktuelle Festivals für Musik außerhalb Innsbrucks: seit 1993 die Avantgarde T. (Internationale Akademie für Neue Komposition und Audio-Art) in Schwaz, seit 2005 in Seefeld; seit 1994 die Klangspuren in Schwaz, ebenfalls für zeitgenössische Musik, seit 2004 mit Ensemble Modern Akademie; seit 1991 die Alpentöne in Obergurgl-Hochgurgl (Gemeinde Sölden/Ötztal): das etwas andere Volksmusik-Festival; seit 1993 Outreach für zeitgenössischen Jazz, Pop und Electronic Music in Schwaz; seit 1998 die T.er Festspiele Erl (G. Kuhn).

Im 19. Jh. war J. Netzer ein Komponist und Dirigent aus T., er in Wien und Deutschland reüssierte. Wie Netzer studierte M. Nagiller Musik in Wien, feierte Erfolge in Paris und Deutschland, kehrte aber nach T. zurück. Der Meisterpianist J. Pembaur d. J., berühmt durch seine Liszt-Interpretationen, konzertierte in ganz Europa und unterrichtete in München/D, sein Bruder K. M. Pembaur prägte als Dirigent das Musikleben in Dresden/D. A. Kanetscheider setzte dem T.er Volkslied durch seine Bearbeitungen ein Denkmal im 20. Jh. Als gebürtige T.er Komponisten repräsentieren die Moderne in Österreich und im Ausland: M. Buchrainer, P. Engel, B. Jestl, J. Klammer, W. Mitterer, Tibor Nemeth, W. Ritsch, E. Schimana, G. Smekal, J. M. Staud, E. Urbanner, N. Zehm. In T. verblieben sind E. Berlanda, Franz Baur (* 1958 Hall i. T.), F. Bramböck, B. Breit, K. Estermann, N. Gerhold, Siggi Haider (* 1957 Axams), R. Jahn, M. Lichtfuß, R. Nessler, W. Pirchner, J. Schmidhuber jun., Gu. Schneider, F. Schreyer, P. Suitner, H. Wisser, G. Zechberger. Besondere Verdienste um die Förderung Neuer Musik in T. hat sich O. Costa (ORF Studio T.) erworben: Er initiierte die Konzertreihe Musik im Studio, ihm sind viele Aufnahmen Neuer Musik in T. zu verdanken, die das ORF-Archiv in Innsbruck als singuläre Zeugnisse verwahrt. Im ORF Kulturhaus T. bietet inzwischen W. Praxmarer weiter ein Podium für die Avantgarde. Ihr waren schon 1949–69 in Innsbruck die Österreichischen Jugendkulturwochen gewidmet.

Viele Primärquellen in T. sind noch unerforscht. RISM Landesleitung Westösterreich (neben dem Referat Südtirol in Innsbruck, Institut für Tiroler Musikforschung) betreibt in T. durch die systematische Quellenerfassung und -sicherung gezielt musikalische Denkmalpflege (Gedächtnis). Zahllose Einzelbeiträge in lokalen Zeitschriften, Ortsmonographien, Festschriften von Musikkapellen und Chören, der Tagespresse etc. sind bislang unausgewertet.

Lit: (I) MGG 9 (1961) [Österreich/Tirol]; ÖMZ 25 (1970), H. 11; W. Deutsch/M. Schneider (Hg.), Beiträge zur Volksmusik in T. 1978; E. Egg/W. Pfaundler, Das große T.er Blasmusikbuch 1979; M. Schneider (Hg.), [Fs.] K. Horak 1980; M. Schneider (Hg.), Volksmusik in T. 1–3 (1982–86); H. Herrmann-Schneider, Die Musik-Hss. des Dominikanerinnenklosters Lienz im T.er Landesmuseum Ferdinandeum 1984; M. Schneider in [Fs.] E. Egg 1985; J. Fontana et al., Gesch. des Landes T. 1–4 (1985–88); M. Schneider in [Kat.] Der Herzog u. sein Taler 1986; Ch. Hunger in Fulpmes 1987; H. Herrmann-Schneider/M. Schneider in [Kat.] T.er Schwaben in Europa. Künstler, Händler, Handwerker 1989; H. Herrmann-Schneider, Die Musik-Hss. der Pfarrkirche u. der Musikkapelle Vils 1993; H. Herrmann-Schneider in [Kat.] Bayerisch-T.ische G’schichten. Eine Nachbarschaft. Beiträge 1993; MGÖ 1–3 (1995); RISM Serie A/II. Musik-Hss. nach 1600, 1996ff (CD-ROM; m. Teilbeständen von T.er Musikarchiven, ab 2003ff mit dem Gesamtbestand an Musik-Hss. der Pfarrkirche Hall i. T., bearb. von F. Gratl); MaÖ 1997; S. Albrich-Warger, Die Engel-Familie. Musikanten aus Reutte in T. erobern die Welt 1998; M. Schneider, Lieder f. die Weihnachtszeit nach T.er Quellen 1998; H. Herrmann-Schneider in G. Haid (Hg.), Volksmusik – Wandel u. Deutung 2000; M. Reiter, Zu Mantua in Banden. Die T.er Landeshymne 2003; K. Drexel/M. Fink (Hg.), Musikgesch. T.s (2001) u. 2 (2004); H. Herrmann-Schneider, Musik in T. Grundzüge ihrer Gesch. [...] / Music in the Tyrol: an Outline of its History [...] in www.musikland-tirol.at (2002); Kulturberichte aus T. 2002, H. 423/424 u. 2003, H. 429/430; J. Lanz/K. Eichbichler (Hg.), [Kgr.-Ber.] Cäcilianismus in T. Brixen 2002, 2003; H. Herrmann-Schneider in [Kat.] Schwarzwälder Geigenbau. Franziskanermuseum 2004; H. Noflatscher/J. P. Niederkorn (Hg.), Der Innsbrucker Hof 2005; [Kgr.-Ber.] Säkularisation 1803 in T. Brixen 2003, hg. v. der Brixener Initiative f. Kirche u. Musik 2005; M. Schneider in M. Frick/G. Neumann (Hg.), Beachten und Bewahren. Caramellen zur Denkmalpflege [...] T.s [2005]; 100 Jahre T.er Volksliedarchiv, Beilage zur T.er Tages-Ztg. 23.9.2005, Nr. 221. – –Mitt. P. O. Ruggenthaler OFM (Provinzarchivar Schwaz); website der Festivals, Musikkapellen, Chöre, Musikinstrumentenerzeuger (alle 11/2005).

HHSch