Brixen
Bischofstadt in Südtirol.

Seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. besiedelt, entstand die heutige Stadt aufgrund einer Schenkung von König Ludwig dem Kind an Bischof Zacharias v. Säben 901. Mit der Verlegung des Bistums von Säben nach Brixen unter Bischof Albuin (975–1006) und bedingt durch die Lage an der Brenner-Route und die politische Eigenständigkeit (B. war bis 1802 Hochstift und geistliches Reichsfürstentum) kam es zu einer raschen kulturellen wie wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt.

Der Hof des Bischofs bildete vom Mittelalter bis zum Beginn des 19. Jh.s das Zentrum für geistliche wie weltliche Musikpflege und regelte (Hofrat und Domkapitel) auch das weltliche Musizieren in der Stadt; auch nach 1802 (bis heute, 1972 wurde das Bistum nach Bozen verlegt) blieb die Dommusik wesentlicher Faktor des B.er Musiklebens. Eine Domschule, die nicht nur der Heranbildung des Klerus, sondern auch von Sängerknaben diente, ist seit dem 10. Jh. nachweisbar. Die Förderung auch der musikalischen Bildung wird auf mehreren Diözesansynoden hervorgehoben (z. B. 1603). Die alte Domschule konnte sich auch gegenüber den Jesuiten behaupten und ging im 19. Jh. in das heutige Gymnasium über, die verpflichtenden Dienste der Scholaren in der Dommusik wurden jedoch mit der Säkularisierung 1802 abgeschafft.

Über die ältere B.er Liturgie unterrichten eine Reihe in B. erhaltener mittelalterlicher Handschriften und über die nach den Reformen unter Nikolaus Cusanus (1450–64 Bischof von B.) drei Augsburger Drucke von Erhard Radolt (Obsequiale 1487, Breviarium 1489, Missale 1493).

Bis in das 15. Jh. waren in B. der Choral bzw. die Orgelmusik fast ausschließliche Basis der Kirchenmusik; erst allmählich und gegen den anfänglichen Widerstand des Domkapitels setzten sich Vokalpolyphonie bzw. Instrumentalmusik in der Kirche durch; Kardinal Andreas v. Österreich und Bischof Andreas v. Spaur sind als Erneuerer der Kirchenmusik in B. an der Wende 16./17. Jh. zu nennen. Auf den Diözesansynoden von 1453 und 1457 in B. wurden die liturgischen Bücher vereinheitlicht, der römische Choral jedoch erst 1603 in B. eingeführt; die Kopisten Balthasar Köck und Georg Moser (der auch für die Wiener HMK arbeitete) fertigten 1609–22 12 neue Chorbücher an. Für das Mittelalter ist zwar ein Skriptorium für das nahe Neustift nachweisbar, nicht aber für B. Relativ früh lassen sich volkssprachliche Gesänge in der Kirche nachweisen; P. Tritonius Athesinus (Peter Treybenraiff) war 1500–02 Lehrer an der Domschule. 1836 ordnete Bischof Bernard Galura (1764–1856) eine Sammlung des deutschsprachigen Liedgutes nach dem Vorbild der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien an (heute wahrscheinlich im DiözesanarchivB.).

Bereits im 14. Jh. wird eine Orgel in der Katharinenkapelle (heute Sakristei) des Domes erwähnt, 1428 in der Marienkapelle der Burg eine Orgel errichtet, 1429 ein Hornwerk. 1453 reduzierte Bischof Nikolaus Cusanus die Musikpflege und das Orgelspiel im Dom. 1530/31 wurden eine große und eine kleine Orgel durch Kaspar Zimmermann im Dom errichtet, die in der Folge mehrere Neu- und Umbauten erfuhr (z. B. 1689 durch Eugen Casparini, später durch August Sinnacher, 1898 Neubau durch die Gebrüder Mayer). Vom 15. bis ins 18. Jh. soll es aber in B. auch eine eigene Orgelbautradition gegeben haben. J. R. Egedacher baute 1740 eine Orgel für die Pfarrkirche in B. 1483–91 wird Burghard Distlinger als fürstbischöflicher Orgelmacher genannt, um 1511 Jacob Kefer, 1531–39 Zimmermann, 1567–92 Andreas Caßlitanus (Organist und Orgelbauer), 1620/21 A. Butz (Putz), Begründer der Passauer Orgelbauerfamilie, und 1756 August Sinnacher. D. Herz, seit 1646 als Orgelmacher in B., gelangt zu großem Wohlstand und zählte wahrscheinlich J. Köck, den Begründer einer weiteren Orgelbauerfamilie, zu seinen Schülern.

Höfische weltliche Musik ist ebenfalls seit dem Mittelalter in B. nachweisbar: Als „erster Hofmusiker“ wird erstmals der Ministeriale Weinhard 1231 in der Literatur genannt. Der Kanoniker Georg v. Bopfingen schrieb um 1370 höfische Lieder. Auch Oswald v. Wolkenstein war in Diensten des B.er Bischofs, sicherte sich 1411 ein Pfründnerhäuschen in Neustift bei B., war 1429 in einen Streit gegen Bischof Ulrich Putsch verwickelt, aber ab 1435 wieder Berater der Bischöfe von B.

B. ist seit 1300 als Spielstätte für geistliche Spiele in Landessprache neben Hall/T, Bozen und Sterzing/Südtirol und noch vor Neustift bekannt (Osterspiele, zu denen nicht nur Texte, sondern auch einzelne Melodien überliefert sind). Die B.er Passionsspiele beeinflussten die Spielkultur in Neustift und wurden im Barock endgültig schriftlich fixiert.

Seit dem Barock folgte B. auf dem Gebiet des geistlichen Theaters, der Kirchenmusik, Kammermusik und dramatischen Musik den im süddeutsch-österreichischen Raum gepflegten Richtungen, v. a. ist der Austausch mit den geistlichen und weltlichen Höfen im Nordtiroler Raum evident (Hall, Stams, Wilten, Innsbruck etc.). So wechselte Chr. Sätzl (1620–32 Domkapellmeister in Brixen) an das Damenstift in Hall, ebenso wie J. J. Walther, der 1682–96 Domorganist in B. war. Michael Benedikt Widmann, Hofmusiker in B., widmete Kompositionen nach Stams bzw. wirkte an Aufführungen in diesem Stift mit. Seit 1600 hielten sich die meisten Bischöfe eine HMK, die sich nicht nur aus Musikern, sondern auch Kanonikern und anderen Bediensteten zusammensetzte und im 18. Jh. ca. 20–30 fest angestellte Musiker umfasste. Neben den erwähnten Sätzl und Walther sind noch Elias Ranfter (bis 1612 in B.), Wolfgang Wiest (1646–70 Domkapellmeister), Leopold Strach v. Treyenfeld (ab 1727 in der B.er HMK angestellt) und die beiden späteren Bischöfe Johann Platzgummer (1565–1647) und Daniel Zen(n) (1627/28 Bischof) als Komponisten zu nennen.

In der 2. Hälfte des 19. Jh.s kam es unter dem Einfluss des Cäcilianismus unter J. G. Zangl (1846–86 Domorganist) zu einer kirchenmusikalischen Erneuerungsbewegung, die von B. ausgehend den gesamten süddeutschen Raum beeinflusste. Am 1.9.1856 wurde in B. der Diözesan-Cäcilien-Verein gegründet, der zum Vorbild für F. X. Witts Allgemeinen Cäcilien-Verein (gegr. 1868) wurde. I. Mitterer (1885–1917 Domkapellmeister) setzte diese Richtung in B. fort, ebenso Johann Höllwarth und Franz Moll.

1862 bildete sich aus dem Dr. Krapf’schen Quartett der B.er Männergesangverein (MGV), 1865 wurde ein Orchesterverein gegründet, der auch an der Dommusik mitwirkte; als Konzertsaal diente der „Waltersaal“ (im alten Sparkassengebäude). Zu Beginn des 20. Jh.s folgte die Errichtung einer städtischen Musikschule. MGV und Orchesterverein wurden durch die Faschisten verboten, 1948 der MGV wiedergegründet. 1888 schlossen sich Feldmusik und der Bruderverein Harmonie zur Bürgerkapelle zusammen, welche ab 1918 nur noch ein Schattendasein führte. 1927–38 wird die Bürgerkapelle als Banda Cittadina von den Faschisten wiederbelebt (die deutschsprachigen Bläser wurden in die Dommusik integriert); die Bürgerkapelle erfuhr 1947 eine Neugründung. Wesentliche Impulse für das Musikleben und die Erforschung der Musikgeschichte B.s gehen heute von der B.er Initiative Musik und Kirche aus.

Lit: H. J. Hermann, Die illuminierten Handschriften in Tirol 1905; M. Fink/K. Drexel (Hg.), Musikgeschichte Tirols I (2001); E. Knapp, Kirchenmusik Südtirols 1993; Hb. hist. Stätten/Österreich 2 (1978); A. Sparber, Die Bischofstadt B. 1962; E. Knapp, Kirchenmusik Südtirols 1993, Erg.bd. 1997; U. Rieder in Musica vocalis 1989; MGG 6 (1957), 291, 9 (1961), 1879–83; MGG 5 (1996), 1389–1400, 7 (1997), 143f.; R. v. Granichstaedten-Czerva, B. 1948; MGÖ 1 (1995); H. Hermann-Schneider in Der Schlern 75 (2001).

ETH