Wiener Industriellenfamilie jüdischer Herkunft.
Die unangefochtene Führungsposition in der Eisen- und Stahlindustrie der Habsburgermonarchie sicherte der Familie eine einzigartige Position innerhalb des Wiener Großbürgertums und bildete zugleich die Grundlage für erhebliche karitative Zuwendungen und künstlerisches Mäzenatentum. Unter Hermann Christian W. (1803–78) entwickelte sich das Haus der W.s zu einem Treffpunkt von Musikern und Komponisten, in dem u. a. der Geiger J. Joachim, dessen Ausbildung er finanziert hatte, J. Brahms und J. Labor regelmäßig verkehrten. Seine Kinder erhielten musikalischen Privatunterricht, in Leipzig u. a. von C. Schumann, in Wien u. a. von Brahms. Karl W. (* 8.4.1847 Gohlis bei Leipzig/D, † 20.1.1913 Wien) war selbst aktiver Musiker (Violine, Horn), während seines USA-Aufenthaltes 1865/66 verdiente er sich seinen Lebensunterhalt z. T. als Musiker und Musiklehrer, seine Frau Leopoldine, geb. Kalmus (1850–1926), eine Schülerin von K. Goldmark, war eine exzellente Pianistin. Zu den Gästen bei ihren Hauskonzerten, an denen sich das Ehepaar selbst aktiv beteiligte, gehörten neben Brahms, Labor und Joachim u. a. G. Mahler, B. Walter, R. Strauss, das Rosé Quartett , M. Soldat-Röger, M. Baumayer, Pablo Casals, die Geigerin Erica Morini (1905–95), die Sängerin Marcella Pregi (1866–1958) und die Kritiker E. Hanslick und M. Kalbeck. Wiewohl Karl W. prinzipiell auch moderne Komponisten (z. B. A. Schönberg) unterstützte, orientierte sich die musikalische Praxis im Haus W. am traditionellen Kanon der klassischen und romantischen Musik, bei deutlicher Distanz zum „Wagnerianismus“ (Rich. Wagner), was auch das musikalische Verständnis der Kinder nachhaltig prägte.
Hans (1877–1902), der bereits mit 4 Jahren komponiert und als 9-Jähriger öffentliche Konzerte als Geiger gegeben hatte, daneben auch Orgel und Klavier spielte und als musikalisches Wunderkind galt, beging nach anhaltenden Konflikten mit dem Vater während eines USA-Aufenthaltes 1902 Selbstmord. Während Tochter Margarete (verehel. Stonborough; 1882–1958), seit ihrer Heirat 1905 US-amerikanische Staatsbürgerin, und Bruder Paul nach dem sog. Anschluss Österreichs an NS-Deutschland emigrierten (Exil), blieben Hermine (1874–1949) und Helene (verehel. Salzer) (1879–1956) in Wien und überlebten die nationalsozialistische Judenverfolgung und führten nach Kriegsende in verkleinertem Maßstab die Tradition des Mäzenatentums und der Hauskonzerte fort.
Paul Carl Hermann: * 5.11.1887 Wien, † 3.3.1961 New York/USA. Pianist und Musikpädagoge. Unterricht durch Privatlehrer, musikalische Ausbildung als Pianist durch M. Brée, Th. Leschetizky und J. Labor, öffentliche Konzerttätigkeit ab 1913. Bei Beginn des Ersten Weltkrieges Kriegsfreiwilliger, unmittelbar nach Kriegsbeginn schwere Verwundung an der Ostfront, verbunden mit dauerhafter Invalidität (Verlust des rechten Armes). Nach der Rückkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft bemühte sich P. ungeachtet seiner Behinderung um Reaktivierung im Militärdienst und um die Fortsetzung seiner Laufbahn als Pianist; Wiederaufnahme der Konzerttätigkeit 1916 (u. a. mit den Variationen in D-Dur für Klavier linker Hand von J. Labor [1915]). P. griff einerseits auf vorhandenes Material zurück (z. B. Wilhelm Tapperts [1830–1927] 50 Übungen für die linke Hand allein [1867] und Kompositionen, die u. a. von F. Liszt für den einarmigen Pianisten G. Zichy geschrieben worden waren), andererseits fertigte er selbst eine Reihe von Bearbeitungen von Kompositionen u. a. von J. S. Bach, L. v. Beethoven, J. Brahms, F. Chopin, Edvard Grieg, J. Haydn, F. Mendelssohn Bartholdy, G. Meyerbeer, W. A. Mozart, G. Puccini, Fr. Schubert, R. Schumann, J. Strauß Sohn, Rich. Wagner u. a. an (veröffentlicht in drei Bänden). Sein ererbtes Vermögen erlaubte es P. überdies, eine Reihe von Kompositionsaufträgen für Klavier linker Hand zu vergeben; längerfristige Zusammenarbeit v. a. mit Labor, E. W. Korngold, Fr. Schmidt und dem britischen Komponisten Ernest Walker. Zu den Komponisten, die Stücke für P. schrieben, gehörten weiters u. a. S. Bortkevič, R. Braun, W. Bricht, Benjamin Britten, H. Gál, L. Godowsky, F. und M. Rosenthal, R. Strauss, J. Takács und K. Weigl. In vielen Fällen unterzog P. die für ihn komponierten Werken umfassenden Überarbeitungen. Zu den bedeutendsten für P. komponierten Werken gehören Maurice Ravels Klavierkonzert für die linke Hand (1930; EA 7.11.1931 Wien, Schallplatteneinspielung mit P. und dem Concertgebouw Orchester Amsterdam unter B. Walter 1937), Paul Hindemiths Klaviermusik op. 29 (1923; EA 9.12.2004 Berlin, Leon Fleisher, Berliner Philharmoniker, Dgt.: S. Rattle) und Sergej Prokofieffs Klavierkonzert Nr. 4, op. 53 (1931). Während P. Ravels Konzert nach anfänglicher Ablehnung in einer von ihm selbst überarbeiteten Fassung in sein Repertoire aufnahm, lehnte er die Kompositionen Hindemiths und Prokofieffs ab und brachte sie nie öffentlich zur Aufführung.
Nach dem „Anschluss“ Österreichs an NS-Deutschland 1938 und dem in der Folge über ihn verhängten Auftrittsverbot emigrierte P. mit seiner Frau und seinen Kindern über die Schweiz in die USA (ab 1946 amerikanischer Staatsbürger), wo er sich in New York niederließ, hier seine Karriere als Pianist fortsetzte und am Ralph Wolfe Conservatory in New Rochelle (1938–1943) sowie an seiner eigenen privaten MSch. (1938–1960) unterrichtete.
W: Schule f. die linke Hand, 3 Bde. 1957.
Lit: E. F. Flindell in The Music Review 32 (1971); S. Y. Kim-Park, P. W. u. die für ihn komponierten Klavierkonzerte für die linke Hand 1999; I. Suchy et al. (Hg.), Empty Sleeve. Der Musiker u. Mäzen P. W. 2006; Piano Music for the Left Hand Alone in http://hjem.get2net.dk/Brofeldt/ (6/2006).
Ludwig Josef Johann: * 26.4.1889 Wien, † 29.4.1951 Cambridge/GB. Philosoph. Als Kind Privatunterricht, 1903–06 Besuch der Realschule in Linz, Ingenieursstudium an der TU Berlin-Charlottenburg abgebrochen, ab 1908 in Manchester/GB, ab 1912 Philosophiestudium am Trinity College Cambridge (u. a. bei Bertram Russell und George Edward Moore). Im Ersten Weltkrieg als Kriegsfreiwilliger, 1918/19 italienische Kriegsgefangenschaft. 1920–26 Volksschullehrer in verschiedenen niederösterreichischen Landgemeinden. Ab 1927 intensiver Kontakt mit den neopositivistischen Philosophen des Wiener Kreises. 1929 Rückkehr nach Cambridge, ab 1930 Fellow, ab 1939 Prof. am Trinity College der Univ. Cambridge. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an NS-Deutschland 1938 Erwerb der britischen Staatsbürgerschaft.
Das zentrale Thema von L.s philosophischem Lebenswerk ist die Frage nach dem Verhältnis von Sprache und Welt. Seine Auseinandersetzung mit Fragen der Musik war für ihn nach eigenem Bekunden von hervorragender Bedeutung und beschäftigte ihn sein ganzes Leben lang intensiv; eine nachvollziehbare systematische Argumentation zu einer „Philosophie der Musik“ liegt von ihm ungeachtet dessen nicht vor, seine konkreten Urteile beschränken sich durchwegs auf isolierte Einzelaspekte.
Lit (zu L. W. u. die Musik): D. Birnbacher in E. Leinfellner et al. (Hg.), W. u. sein Einfluss auf die gegenwärtige Philosophie 1978; W. Laubscher, Musikzeichen / Zeichenmusik 1987; C. Sjögren in M. Huter (Red.), [Kat.] W. Biographie – Philosophie – Praxis 1989; M. Alber (Hg.), W. u. die Musik 2000; Ch. Landerer in ÖMZ 56/11–12 (2001); S. Tait in The Independent 12.11.2003, 54f; C. Fanselau in C. Bezzel (Hg.), Sagen u. Zeigen 2005.
PSt