Strauß, Familie
Johann Baptist (Vater): * 14.3.1804 Leopoldstadt (heute Wien II), † 25.9.1849 Wien. Komponist, Dirigent.

Kam in diversen Gaststätten mit Wirtshausmusik in Berührung. Buchbinderlehre, Violinunterricht durch Johann Pollischantzky. Um 1823 wirkte er im Quartett von J. Lanner, der St. im erweiterten Ensemble mit der Leitung der 2. Gruppe als Stehgeiger betraute. Da das Publikum auch Novitäten erwartete, folgte St. dem Vorbild Lanners und begann zu komponieren. Die Orchesterteilung Lanners zeigte ihm, dass der Markt groß genug war, anstelle seiner Assistenz eine eigene Kapelle Gewinn bringend zu führen. Er trennte sich in Freundschaft von Lanner und trat ab 1.9.1825 mit eigener Kapelle und eigener Musik in Gasthäusern und Etablissements auf. Er entschloss sich zur Professionalisierung von Geigenspiel und Musiktheorie und nahm Unterricht bei L. Jansa und I. v. Seyfried. Um gegen die Konkurrenz bestehen zu können, inszenierte er große Feste mit Dekoration und Illumination, was ihm regen Publikumszustrom sicherte und Aufträge zur Leitung der Repräsentationsbälle bei Hof (Hofball) eintrug. Ab 1832, nach seiner Ernennung zum Kapellmeister des 1. Bürgerregiments, komponierte er zusätzlich Marschmusik, und unternahm ab 1833 ausgedehnte Tourneen nach Budapest und in verschiedene österreichische Städte, dann nach Deutschland, Belgien und Holland. Bei der nächsten großen Tournee nach England, Schottland und Irland kam es zum Zusammenbruch. Nun stand er wieder vermehrt vor Wiener und Badener Publikum. Sein Ansehen im Musikleben erreichte 1846 durch seine Ernennung zum Hofballmusikdirektor einen weiteren Höhepunkt, was er bei der Revolution 1848 mit Kaisertreue quittierte. Im Herbst nahm St. seine Gastspielreisen wieder auf und reüssierte ein letztes Mal in England. Seine musikalischen Verdienste manifestieren sich in der Festlegung des Walzers als Musikstück mit Introduktion, einer Folge von fünf doppelgliedrigen Walzern und einer Coda. Um Aktualität zu suggerieren, zur Unterscheidung der Stücke und aus werbetechnischen Gründen gab er seinen Melodien aussagekräftige Titel.

G: St.-Lanner-Denkmal im Rathauspark (Wien I) u. im Kurpark Baden/NÖ; Gedenktafel am Geburtshaus; Ehrengrab Wr. Zentralfriedhof 1904.

P: Bürger der Stadt Wien 1836.

W: 250 Walzer, Ländler, Märsche (Radetzkymarsch), Polkas, Galopps, Quadrillen, Contratänze. – GA bearb. f. Kl., hg. v. Joh. St. Sohn, 7 Bde. 1889; NA von 8 Walzern in DTÖ 68 (1928); zahlreiche Einzelausgaben.

Seine Söhne Johann Baptist (Sohn): * 25.10.1825 St. Ulrich (heute Wien VII), † 3.6.1899 Wien. Komponist, Dirigent. Erhielt eine profunde Ausbildung am Untergymnasium des Schottenstifts mit nachfolgender Spezialisierung auf das Bankwesen im Polytechnikum, die er wegen des Musikstudiums bei V. Plachý (Klavier) und Franz Amon (Geige) abbrach. Um eine Konzession zur Leitung einer Musikkapelle zu erlangen, studierte er zusätzlich bei Ballettkorrepetitor Anton Kohlmann (Violine) sowie bei Joach. Hoffmann und J. Drechsler (Komposition). 1844 beendete er mit einem Graduale für Chor und Bläser seine Ausbildung erfolgreich. Er erhielt die Kapellmeisterlizenz für ein Ensemble von 12–15 Musikern zur Unterhaltung in Gaststätten und debütierte am 15.10.1844 u. a. mit einigen eigenen Kompositionen in einer Soirée dansante bei Dommayer in Hietzing (Wien XIII). Der Vater unternahm mehrere Versuche, die Karriere des Sohnes zu zerstören, bis er endlich einlenkte und ihm eine Position in der eigenen Kapelle anbot, was Johann allerdings zurückwies. Stattdessen bemühte er sich um Konzerttourneen in der Steiermark, später in Ungarn, 1847 in Serbien und Rumänien und wurde zum Kpm. des 2. Bürgerregiments ernannt. Während der März-Revolution 1848 weilte er auf einer Osttournee, bekannte sich nach seiner Rückkehr musikalisch zu den Aufständischen, was ihm die Missbilligung des Kaiserhauses eintrug. Schon in dieser frühen Phase manifestierte sich seine Marketing-Begabung: Um alle Aufträge bewältigen zu können, teilte er die Kapelle in bis zu vier Gruppen und fuhr von Lokal zu Lokal, wo sein Erscheinen als Höhepunkt gefeiert wurde. 1851 reiste er nach Hamburg/D, Prag, Dresden/D, Leipzig/D und Warschau, überraschte das Publikum häufig mit UA.en eigener Tänze und erhielt 1853 die Leitung der Hofballmusik. Das Management der Kapelle, die Wahrung der Auslastung und die Reisen führten neun Jahre nach seinem Debüt 1853 zu seinem ersten Zusammenbruch, der eine Kur in Bad Neuhaus bei Cilli (Celje/SLO) notwendig machte. Um das Walzergeschäft nicht der Konkurrenz zu überlassen, leitete sein Bruder Josef interimistisch das Ensemble. Fortan konnte St. beruhigt Auslandsaufenthalte antreten, so ab 1855 als Star in den Pawlowsker Sommersaisonen.

1862 heiratete er H. Treffz. Ihrer Umsicht verdankte St. 1863 den lange vergeblich beantragten Titel „K. k. Hofballmusikdirektor“. 1867 präsentierte er in Paris im Rahmen der Weltausstellung seinen neuesten Walzer An der schönen blauen Donau (op. 314). Seine Abwesenheit von Wien vermochten die Brüder mit wachsendem Erfolg zu kompensieren, begleitet von unzulänglichen Versuchen der Emanzipation. Diese Situation dürfte St. bewogen haben, die Kapelle nun endgültig in die Hände von Eduard zu legen.

Den Umstieg in das fremde Metier der Operette bewerkstelligte seine Frau Henriette, indem sie seit den späten 1860er Jahren Verhandlungen mit den Direktionen des Carltheaters und des Theaters an der Wien führte. Am 26.5.1870 unterzeichnete St. seinen ersten Vertrag mit der Direktion M. Geistinger/M. Steiner über Indigo und die 40 Räuber, die er am 10.2.1871 persönlich erfolgreich zur UA brachte. 1872 leitete er in Amerika anlässlich der Feiern zum 100-Jahr-Jubiläum der Unabhängigkeit ein Mammutkonzert vor 100.000 Zuhörern unter Mithilfe von 20 Subdirigenten und brachte mit 20.000 Sängern und Musikern u. a. den Donauwalzer zu Gehör. Ab 1873 brachte er fast jährlich eine Operette heraus, wobei ihm 1874 mit der Fledermaus ein Werk gelungen ist, das die Gattung Operette nachhaltig prägte. In den späten 1870er Jahren folgte nach äußerst erfolgreichen Aufführungen und Tourneen eine schwierige Phase: Sein Pariser Engagement 1877 gestaltete sich wegen Intrigen anfangs schlecht; nach dem Tod seiner Frau verlor er die Orientierung in seinem Leben und beging den Fehler, eine junge Gesangsdebütantin aus Breslau (Wrocław/PL), Angelika Dittrich (1850–1919), zu heiraten, von der er irrtümlich annahm, sie werde seine Geschäfte ebenso führen wie Henriette. Die neue Operette Blindekuh (1878) fiel durch; erst 1880 schloss er mit Spitzentuch der Königin an seine früheren Erfolge an. Mit der beliebten Operette Der lustige Krieg (1881) half er die Theaterkrise nach dem Ringtheaterbrand am 8.12.1881 bewältigen und schuf in der Folge Eine Nacht in Venedig (1883).

Indessen ging St. eine Beziehung mit der jungen Witwe Adele Deutsch (1856–1930) ein. 1885 gelangte Der Zigeunerbaron über ein Libretto von I. Schnitzer nach einer Novelle des ungarischen Dichters Mór Jókai (1825–1904) zur brillanten UA, bei der F. Jauner Regie führte. Seines Alters eingedenk, beabsichtigte St. die Legalisierung seiner Beziehung mit Adele. Da dies in der katholischen Donaumonarchie nicht möglich war, legte er seine Staatsbürgerschaft zurück, konvertierte zum Protestantismus und übersiedelte nach Coburg/D, wo der Herzog kraft seiner Position die Scheidung aussprechen konnte. Am 18.7.1887 heiratete er Adele und kehrte wieder nach Wien zurück.

Um 1890 eroberte er für sich die Oper. Mit tiefer Enttäuschung nahm er bei der UA 1892 an der Wiener Hofoper den Achtungserfolg des Ritter Pázmán zur Kenntnis und schrieb für die folgende Saison gleich wieder eine Operette, Fürstin Ninetta. Da weder A. v. Schönerer, die Directrice des Theaters an der Wien, noch St. selbst einen weiteren Misserfolg provozieren wollten, erging an den Kaiser eine Einladung zur UA. Doch nach 75 Aufführungen war das Werk abgespielt und fand im Ausland kein Interesse. Wissend um die Mechanismen der letzten Erfolge, suchte St., angeregt durch F. Smetanas Verkaufte Braut, im slawischen Milieu die Lösung, engagierte Gustav Davis und M. Kalbeck und präsentierte Jabuka. Dem Werk zollte das Publikum Beifall, doch im Allgemeinen konzentrierte man sich auf die Veranstaltungen zum 50-jährigen Berufsjubiläum – desgleichen 1895: Er trat mit Waldmeister vor sein Publikum, prunkvoll gefeiert wurde sein 70. Geburtstag. Als zwei Jahre später seiner Operette Die Göttin der Vernunft wieder nur ein Achtungserfolg beschieden war, beendete er das Operettengeschäft. In den letzten Lebensmonaten betreute er die Kompilations-Operette Wiener Blut zum Libretto von V. Léon und L. Stein, wozu St. keine neue Musik erfand, sondern bestehende Werke um den Walzer Wiener Blut von A. Müller jun. arrangieren ließ.

Hauptaugenmerk legte St. in der ersten Phase (bis 1870) auf Walzer, die er durch pointierte Rhythmik, exquisite Melodik, eingängige, mitunter raffinierte Harmonik und brillante Instrumentation zu ausdrucksstarken Stücken entwickelte. Formal etablierte sich die fünfgliedrige Walzerkette zu je zwei wiederholten Formabschnitten mit Introduktion und Coda, die der Choreographie des Walzers entsprach und im Tempo abseits von sentimentalen Rubati den natürlichen Bewegungsablauf unterstützte. Bei der Titelgebung achtete er auf Aktualität, manchmal mit programmatischem Hintergrund, wobei nachträgliche Textierungen diesen Eindruck verstärkten. Seine berühmtesten Gesangswalzer, nämlich An der schönen blauen Donau und Frühlingsstimmen (op. 410, 1883) für Sopran und Orchester, zeigen nicht nur die Nähe zur Operette, sondern prägten den Schlager der 1920er Jahre sowie den frühen Tonfilm (Film). Seine Operetten sind im Gegensatz zu J. Offenbach nicht regimekritisch, einzelne aber mit sozialkritischem Einschlag, und beinhalten analog zu den Tanztiteln aktuelle Themen, die später unpassend wirkten und eine unüberschaubare Zahl an Bearbeitungen provozierten.

G: Gedenktafeln an Wohnhaus Praterstraße 54 (Wien II) u. Villa Maxingstraße 18 (Wien XIII); Joh. St.-Gasse (Wien IV, bis 1899 Igelgasse mit St.-Villa, demoliert, Gedenktafel 1967); Joh. St.-Straße (Linz); Joh. St.-Denkmal im Wr. Stadtpark; Ehrengrab Wr. Zentralfriedhof.

P: Taxfreies Bürgerrecht der Stadt Wien 1884.

W: 16 Bühnenwerke, darunter die Oper Ritter Pázmán, mehr als 400 Walzer, Polkas, Quadrillen, Galopps, Märsche; 4 Werke gem. m. Josef St., 2 Werke m. Josef u. Eduard. – GA hg. von F. Racek 1967ff; St. Edition Wien, hg. v. M. Rot 1992ff.

Josef: * 20.8.1827 Mariahilf (heute Wien VI), † 22.7.1870 Wien. Komponist. Bis zum Stimmbruch sang er im Chor St. Leopold (Wien II), bis 1842 besuchte er mit Johann die kommerzielle Abteilung des Wiener Polytechnischen Instituts (heute TU), dann wechselte er in die technische Abteilung und betrieb Musik als Hobby. 1846/47 arbeitete er als Bauzeichner bei Stadtbaumeister Anton Übel, pausierte 1848 (beteiligte sich auf Seiten der Aufständischen an der Revolution), und fand 1851 bei der Errichtung eines Wasserwehrs an der Triesting in Trumau/NÖ eine Stelle als Bauleiter. Um das erstrebte Ingenieurs-Diplom erlangen zu können, erfand er eine Kehrmaschine zur Straßenreinigung sowie eine Schneeputzmaschine. Um die Zeit bis zu seiner nächsten Anstellung (1853), der Mitwirkung bei der Errichtung zweier großer Stadthäuser, zu überbrücken, fertigte er technische Zeichnungen für eine Maschinenfabrik am Tabor (Wien II) an.

Mit dem Nervenzusammenbruch seines Bruders Johann endeten seine eigenständigen Karrierepläne; fortan hatte er sich, zunächst als Ersatz für den Bruder, auf Wunsch der Mutter dem Diktat des Walzergeschäfts zu unterwerfen. Er verbesserte seine Musikausbildung und erfüllte fortan in Abwesenheit Johanns, etwa bei Erkrankung oder während der Gastspiele in Pawlowsk/RUS, die Wiener Engagements, trat bald alternierend mit Johann auf, oder konzertierte mit geteilter Kapelle, um dem Zuwachs an Aufträgen nachzukommen. Er fand zwar im Allgemeinen Anklang, erreichte aber niemals den Star-Ruhm des Bruders, den er aus gesundheitlichen Gründen nicht immer entlasten konnte. Häufig unter Kopfschmerzen leidend, kollabierte er bei Stress, was die Mutter veranlasste, den jüngsten Sohn Eduard ab 1861 als Ersatz für Josef ins Walzergeschäft zu integrieren. Dennoch konnte er 1862 die Dirigate in Pawlowsk von Johann übernehmen. Eine Kunstreise nach Breslau (Wrocław/PL) war zwar künstlerisch, nicht aber wirtschaftlich erfolgreich. Seine Hoffnung, am Engagement des berühmten Bruders bei der Pariser Weltausstellung 1867 partizipieren zu können, zerschlug sich. Monumentalereignisse, wie das Schützenfest 1868 im Wiener Prater, führten die drei Brüder zusammen, um vor 10–12.000 Personen zu spielen. Josef gelang es zunehmend, als Komponist zu reüssieren. Die letzten gemeinsamen Auftritte mit beiden Brüdern erfolgten beim 1. Ball der Gesellschaft der Musikfreunde am 15.1.1870 und schließlich beim 1. Konzert einer sechsteiligen Serie im Goldenen Saal des Musikvereinsgebäudes im März und Anfang April 1870. Danach reiste Josef zu seinem ersten eigenen Sommergastspiel nach Warschau, wo er in einen komatösen Zustand verfiel, von dem er sich nie mehr erholte. Josefs Stil ist jenem von Johann ähnlich, weicht aber in seinem Hang zu Ernsthaftigkeit und seiner Vorliebe für Molltrübungen von der musikalisch-vitalen Linie des Bruders ab; mitunter manifestiert sich seine Vorliebe für Rich. Wagner. Viele seiner Werke wurden bloß unter „J. S.“ angekündigt, was vom Publikum dem Schaffen Johanns zugeordnet wurde.

G: Ehrengrab Wr. Zentralfriedhof; Gedenktafel am Geburtshaus; J.-St.-Park (Wien VII).

W: 283 Kompositionen; beliebte Walzer: Dorfschwalben aus Österreich op. 164, Dynamiden op. 173 (Vorbild für den Rosenkavalierwalzer von R. Strauss), Sphärenklänge op. 235, Mein Lebenslauf ist Lieb’ und Lust op. 263. Seine Musik wurde in folgenden Operetten verarbeitet: E. Reiterer, Frühlingsluft 1903; E. Reiterer, Frauenherz 1905; Fr. Sommer, Der Rosenjüngling 1906; Ernst Siebert, Das Teufelsmädel 1908; Oskar Stalla, Die weiße Fahne 1911; Bernard Grün, Freut euch des Lebens 1932; B. Uher, Walzerträume 1943; O. Stalla, Die Straussbuben 1946.

Eduard: * 15.3.1835 Leopoldstadt, † 28.12.1916 Wien. Dirigent, Komponist. Wollte ursprünglich Diplomat werden, die Mutter forcierte jedoch seine Ausbildung in Musiktheorie, Violin- und Klavierspiel. Da ein eklatanter Mangel an Harfenspielern herrschte, studierte er sechs Jahre bei An. Zamara Harfe und debütierte am 11.2.1855 als Harfenist im St.-Orchester im Rahmen eines Benefizkonzerts für Bruder Johann im Sophienbad-Saal (Sophiensäle). Ein Probespiel in Deutschland scheiterte an zu großer Nervosität, die er nach seinem Debüt als Dirigent am 5.2.1861 zu bewältigen wusste. Zwei Jahre später beendete er sein Kompositionsstudium bei G. v. Preyer. Bereits mit seinem Opus 1 bewies Eduard schöpferische Kompetenz, wenn auch nicht all seinen Werken große Erfolge und Verbreitung durch den Musikhandel beschieden waren. Als Dirigent erlangte er Weltruhm, der sich bereits früh abzeichnete. Johann übertrug Eduard die Leitung der Kapelle, und mit ihr durfte er 1871 auch das Amt des K. k. Hofballmusikdirektors übernehmen. Fortan galt es, das Niveau des Orchesters zu halten, um gegen die mit Dumpingpreisen konkurrierenden Militärkapellen (Militärmusik) reüssieren zu können: Einerseits erzwang er durch seinen autoritärer Führungsstil Disziplin und Perfektion in der Ausführung, andererseits konzentrierte er sich vermehrt auf Gastspiele in- und außerhalb der Donaumonarchie; erste Erfahrungen in effizienter Organisation derartiger Geschäfte hatte er 1865 in Pawlowsk unter der Obhut seines Bruders Johann gemacht. Seine Kompromisslosigkeit führte wiederholt zu Schwierigkeiten mit Musikern. Zu den wichtigsten Tourneen zählten jene nach London (1885), durch die USA (1890) oder nach St. Petersburg/RUS (1894). In Wien betreute er die noch von Johann ausgehandelten Sonntag-Nachmittagkonzerte im Musikverein. Einem geplanten Karriereende um 1895 kamen finanzielle Probleme – bedingt durch den Lebensstil seiner Söhne – zuvor, weitere Konzertreisen führten ihn daher nach London (1895, 1897), Deutschland und Holland (1898, 1899, 1900) sowie neuerlich in die USA. Unstimmigkeiten mit den Musikern ließen ihn am 13.2.1901 die Kapelle auflösen. In Wien sistierte er seine Position als K. k. Hofballmusikdirektor und legte seine Dirigiertätigkeit im Musikverein zurück. Einem Abkommen (1869) mit seinem Bruder Josef folgend und aus Furcht vor Bereicherung der Nachwelt am St.’schen Gedankengut, vernichtete er den gesamten Notenbestand der Familie.

G: Ehrengrab Wr. Zentralfriedhof; Gedenktafel am Sterbehaus.

W: 318 Kompositionen; zahlreiche Potpourris (280 publiziert); Schnell-Polka Bahn frei! op. 45, Fesche Geister op. 75, Doctrinen op. 79, Liebeszauber op. 84, Kaiser Franz-Josef-Jubiläums-Marsch op. 109, Studentenball-Tänze op. 101, Aus dem Rechtsleben op. 126, Knall und Fall op. 132

Dessen Sohn Johann Maria Eduard (Enkel): * 16.2.1866 Wien, † 9.1.1939 Berlin. Dirigent, Komponist. Lernte Klavier, Violine sowie Musiktheorie und studierte Jus, da der Vater eine Musikerlaufbahn verbot. Folglich arbeitete Johann nach Studienabschluss im Kultusministerium. Nach dem Bruch mit dem Vater fand er Zuflucht bei seinem Onkel Johann, komponierte 1898 die Operette Katze und Maus, die bei der UA am Theater an der Wien mit 14 Aufführungen in Serie einen Achtungserfolg erlangte, und gab 1900 seine Position im Ministerium auf, um sich als Dirigent zu etablieren. Sein Wiener Dirigentendebüt gab er nach einer siebenmonatigen Konzertreise durch Österreich-Ungarn und Deutschland am 3.11.1900 in einem Konzert zu Gunsten des St.-Lanner-Denkmals. 1901–06 dirigierte er in der Nachfolge seines Vaters die Wiener Hofbälle, der Titel „K. k. Hofballmusikdirektor“ wurde ihm jedoch verweigert. Seine Karriere führte ihn nach Südosteuropa und – allerdings erfolglos – nach London. Die neuen Aufzeichnungsmedien nutzend, edierte er im April 1903 mit der Plattenfirma Deutsche Grammophon Gesellschaft St.-Musik auf acht Tonträgern. Ab 1907 lebte er mit seiner Familie in Berlin und unternahm erfolgreiche Tourneen. In diese Zeit fallen weitere Schallplattenaufnahmen, er arbeitete auch als Kritiker und musikalischer Berater. Während des Ersten Weltkriegs schlug er ein Engagement in die USA aufgrund seiner Aversion gegen den aufkommenden Jazz ab. Stattdessen beschränkte er sich auf ein kleines Ensemble und leitete als Gastdirigent zwischen 1912/25 187 Orchester. Ein Versuch, in Wien Fuß zu fassen (1916), scheiterte; fortan kam es in Wien nur zu einzelnen Auftritten bei Großereignissen.

W: Operette Katze u. Maus 1898; 26 Walzer, Polkas, Galopps, Quadrillen u. Märsche.

Eduards Enkel Eduard (II) Leopold Maria: * 24.3.1910 Wien, † 6.4.1969 Wien. Dirigent. Sohn von Josef d. J. (1868–1940), erlernte mit 6 Jahren das Geigenspiel, absolvierte die Wiener MAkad. und nahm Privatstunden in Klavier, Horn, Violine und Gesang. Zunächst wirkte er als Korrepetitor in der Auer-Weissgerber Gesangschule in Wien, ab 1939 leistete er Kriegsdienst. 1946–56 hatte er eine Anstellung als Lehrer und Korrepetitor an der Opernklasse am Konservatorium der Stadt Wien inne, debütierte 1949 als Dirigent. Fortan gastierte er u. a. in Manila (1956), Seoul (1958, 1962), Moskau (1960), Kairo (1961), Paris (1962, 1964), London (1963, 1964, 1966), Japan (1957–66), Kanada und USA (1966), Belgien (1969). Sein Sohn Eduard (III) Josef (* 21.4.1955 Wien) betätigt sich neben seiner Richtertätigkeit als Sänger ( Wiener Männergesang-Verein , Schola Cantorum) und ist seit 1995 Obmann des 1989 gegründeten Vereins Wiener Institut für Strauss-Forschung .

Lit (chron.): K. Reinöhl/M. Schönherr, Joh. St. Vater 1954; M. Hürlimann (Hg.), Die Walzerdynastie St. in Zeugnissen ihrer selbst u. ihrer Zeitgenossen 1976; M. Schönherr, Lanner, St., Ziehrer. Synoptisches Hb. der Tänze u. Märsche 1982; F. Mailer (Hg.), Joh. St. Briefe u. Dokumente, 9 Bde. 1983ff; P. Kemp, Die Familie St. Gesch. einer Musikerdynastie 1987; N. Rubey (Hg.), Die Fledermaus. Mitt.en des Wr. Instituts für St.-Forschung 1990ff; L. Finscher/A. Riethmüller (Hg.), Joh. Strauß. Zwischen Kunstanspruch u. Volksvergnügen 1995; K. Bellak, Caroline St. in Hainfeld 1995; H. Knaus/W. Sinkovicz, Joh. St. 1999; F. Miller, Joh. St. Vater. Der musikalische Magier des Wr. Biedermeier 1999; W. Pass/M. Fink (Hg.), [Kgr.-Berr.] Straussiana 1999. Wien 1999, 3 Bde. 2002/03; O. Brusatti/I. Sommer, Jos. St. 1827–1870. Delirien u. Sphärenklänge 2003; NGroveD 24 (2001); MGG 12 (1965); www.johann-strauss.at (12/2005); M. Lorenz in http://members.aon.at/michaelorenz/strauss (12/2005).

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