Steyr
Stadt in Oberösterreich am Zusammenfluss von Enns und Steyr.

Die Anfänge St.s sind unklar, da es kaum prähistorische Funde gibt; um 600 v. Chr. siedelten sich Kelten in der Gegend an. Nach derzeitigem (2005) Forschungsstand befand sich keine bedeutende Römersiedlung auf St.er Boden (nächstes Zentrum war Enns/Lauriacum). Erst ab ca. 980 erscheint die Stirapurhc als mittelalterlicher Herrschaftssitz, ab Ende des 10. Jh.s. im Besitz des Geschlechts der Otakare, die 1180 die Herzogswürde (dux Styrie) verliehen bekamen. 1254 Trennung von der Steiermark und Anschluss an das Herzogtum Österreich ober der Enns. 1287 Erneuerung des Stadtrechts, ab 1300 eigene Pfarre. Unter den Babenbergern erfolgte der Aufstieg der Stadt zur Eisenmetropole nördlich der Alpen (v. a. Waffen- und Rüstungsschmiede).

Über eine etwaige Musikpflege auf der genannten Stirapurhc liegen keine gesicherten Nachrichten vor. Von Bedeutung v. a. für die ältere Musikgeschichte der Stadt waren die Klöster Garsten und Gleink. Bis in die 1. Hälfte des 14. Jh.s waren die Garstener Mönche nicht nur für die seelsorgerische Betreuung der Stadtpfarrkirche verantwortlich, sondern besorgten auch die Kirchenmusik; erst danach übernahm der jeweilige Schulmeister diese Aufgabe.

St. bildete neben Schwaz, Eferding und Wels eines der wichtigsten Zentren des Meistersangs auf dem Gebiet des heutigen Österreich. Deren erste Aktivitäten dürften um 1540 anzusiedeln sein, 1562 wurde von zwölf namentlich bekannten Meistersingern eine erste Singschule gehalten. In der Folge hielten sich insgesamt 34 Meistersinger ständig oder vorübergehend in der Stadt auf, von Bedeutung sind S. Kriegsauer, W. Bergstetter, W. Brantner, L. Hagmair, P. Heiberger, P. Lindtwurm und Ch. Mayr. Zwischen 1599/1624 wurden insgesamt 35 Singschulen veranstaltet, auch Komödienaufführungen durch Meistersinger sind nachweisbar.

Eine städtisch organisierte Musik ist ab dem 16. Jh. nachweisbar. Die Leitung der aus vier Gesellen bestandenen Kapelle hatte der Thurnermeister inne, namentlich genannt seien: W. J. Lauffensteiner d. Ä. (1666–89, eigenen Angaben zufolge auch kompositorisch tätig), Fe. (1691–1725) u. Fr. (1725–59) Sertl sowie Franz (ab 1806, † 1869), Andreas, Anton († 1879) und Leopold († 1886) Gruber. Noch in der 1. Hälfte des 19. Jh.s waren der Thurnermeister und seine Gesellen für die Besorgung der Instrumentalmusik an der Stadtpfarrkirche verantwortlich, an besonderen Festtagen wurden sie von Dilettanten unterstützt. Die Aufgaben der ehemaligen Stadtmusik übernahm im Laufe des 19. Jh.s immer mehr die 1808 gegründete Kapelle des St.er Bürgercorps (ab 1938 Stadtkapelle). 1920 wurde eine Arbeiterkapelle ins Leben gerufen, die 1923 in Stadtkapelle und 1934 in Konzertverein St. umbenannt wurde.

Die heutige Stadtpfarrkirche (Hll. Egidius und Koloman) wird 1275 erstmals genannt und dürfte im 12. Jh. gegründet worden sein; 1443 wurde mit einem Neubau begonnen. 1344 ist erstmals ein Schulmeister nachweisbar, der mit geeigneten Schülern für die Kirchenmusik zu sorgen hatte. Während der Reformation wurde neben der evangelischen Schulkirche um 1550 eine protestantische Lateinschule gegründet; in der Schule und im Rathaus kam es zur Aufführung von Schuldramen, in manchen Fällen mit Musik. Allerdings gab es in den 1570er Jahren Beschwerden über das niedrige musikalische Niveau in Kirche und Schule, sodass ab 1576 Musikunterricht in der Lateinschule erteilt wurde, wenngleich mit wenig Erfolg. Bereits zu Beginn des 17. Jh.s. war die Reformation weitgehend zurückgedrängt, allein an der ehemaligen Dominikanerkirche konnte sich der evangelische Gottesdienst nach 1608 etwas länger halten; für den Schulunterricht und die Kirchenmusik war der Kantor G. Daubenröck zuständig. 1609 kam P. Peuerl nach St., wo er als Organist an der evangelischen Kirche wirkte und gemeinsam mit Ulrich Schreyer 1613/14 für diese Kirche eine neue Orgel fertigte (Vorchdorf).

Während dieser Zeit leitete Wolfgang Lindner, der zuvor als Schulmeister in Wien und 1590–1603 in Waidhofen an der Ybbs gewirkt hatte, in der Nachfolge M. Theobaldus Täubers die katholische Lateinschule (1603–22) sowie die Kirchenmusik an der Stadtpfarrkirche. Um die Mitte des 17. Jh.s setzte sich das Chorpersonal aus einem Organisten, 1–2 Diskantisten, je einem Altisten, Tenoristen und Bassisten sowie aus dem Kalkanten zusammen; diese einfache Besetzung ist auch noch in der 1. Hälfte des 19. Jh.s nachweisbar. Um die Jh.wende stand dann die Kirchenmusik unter dem vielseitigen Regens chori F. Bayer auf hohem künstlerischem Niveau. 1924–53 bestand ein Kirchenmusikverein. 1991 löste sich der Kirchenchor der Stadtpfarrkirche auf, seither besorgen verschiedene Ensembles die Kirchenmusik. Die Stadtpfarrorganisten sind nahezu lückenlos bekannt. Die Geschichte der Orgel in der Stadtpfarrkirche reicht weit zurück, bereits vor 1443 ist eine solche belegt. 1774–79 errichtete F. X. Chrismann eine neue Orgel (II/26), die 1893–95 von Jos. Mauracher umgebaut und mit einem neuen Gehäuse versehen wurde.

Die zweite alte St.er Pfarrkirche, die St. Michael-Kirche in Steyrdorf, geht auf eine Gründung der Jesuiten zurück. 1634/35–48 errichteten sie die heutige Kirche, die 1650 eine kleine Orgel erhielt und erst 1677 ganz vollendet wurde. Die Kirchenmusik wurde hier von Seminaristen und Studenten bestritten, am Gymnasium wurden auch Jesuitenspiele, z. T. mit Musik, aufgeführt. Bereits unter F. Gruber waren die Chorregentenämter an den beiden Pfarrkirchen vereinigt; diese Personalunion wurde bis zum Zweiten Weltkrieg beibehalten. Neben dem Kirchenchor sorgt heute (2005) auch die 1998 aus dem Madrigalchor St. (gegr. 1966) hervorgegangene Kirchenmusikvereinigung Sancta Caecilia unter Otto Sulzer für die musikalische Gestaltung der Gottesdienste an St. Michael.

In der Biedermeierzeit kam es vermehrt zur Hausmusikpflege bei mehreren dem Wirtschafts- und Bildungsbürgertum angehörenden Familien; zu nennen wären v. a. die Häuser von J. v. Koller, S. Paumgartner, Johann Nepomuk Ritter v. Dornfeld, Johann Hintermayer Edler v. Wallenberg und Albert Schellmann. Der Adel war in St. nur schwach vertreten: von musikalischer Bedeutung ist Johann Nepomuk Fürst v. Lamberg, der um 1800 in seinem Schlosspavillon Konzerte und sogar Opernaufführungen veranstaltete. Fr. Schubert weilte erstmals im Juli 1819 gemeinsam mit dem aus St. stammenden J. M. Vogl in St. Nach 1819 hielt sich Schubert noch im Sommer 1823 und letztmalig einige Zeit im Sommer 1825 in St. auf.

1838 wurde die Gesellschaft der Musikfreunde St. gegründet, die sich selbst hohe Ansprüche auferlegte, Konzerte veranstaltete und 1846 eine MSch. für Kinder von Vereinsmitgliedern eröffnete. Nachdem die Gesellschaft ab der Jh.mitte nicht mehr aktiv tätig gewesen war, kam es 1872 zu einer Neugründung (ab 1914 Musikverein in St., 1963 Rückkehr zum alten Namen). V. a. F. Bayer (1899–1917) konnte den Verein auf ein hohes künstlerisches Niveau führen, Bedeutung erlangte unter ihm das große Symphonieorchester und die MSch. Zahlreiche weitere Vereinsgründungen folgten im 19. Jh., u. a. des MGV.s „Sängerlust“ (1844–48), der St.er Liedertafel (gegr. 1850), des MGV.s „Kränzchen“ (gegr. 1858) und des Gesangvereins „Gemütlichkeit“ (gegr. 1891). Die Vereine pflegten den Männergesang in der damals üblichen großdeutsch-nationalen Richtung, dagegen sind der Arbeitersängerbund „Stahlklang“ (1881–1934) und der Zitherverein „Kränzchen“ der Arbeitermusik-Bewegung zuzurechnen. Größte Bedeutung hatte die St.er Liedertafel, sie richtete 1885 eine Gesangschule für ihre Mitglieder ein und konnte bekannte Persönlichkeiten zu ihren Ehrenmitgliedern zählen. Als gemischter a-capella-Chor wurde 1886 die Vereinigung Sängerlust gegründet, 1909 der Christlich-deutsche Gesangverein, 1916 der MGV „Harmonie“, 1923 die Gesangvereine Sängerbund „Frohsinn“ und Arbeiter-Frauen-Chor sowie der Verein der Mandolinen- und Gitarrenfreunde (seit 1925 Arion), 1924 der Sängerbund „Echo“, 1925 die Sängerriege der Sicherheitswachebeamten St., 1926 der Sängerbund „Widerhall“ und 1929 der 1. St.er Zitherverein. 1928 erfolgte die Gründung des St.er MGV.s durch die Fusionierung von Liedertafel und Kränzchen. Der Ende 1934 ins Leben gerufene Volkschor trat die Nachfolge des Arbeitersängerbundes „Stahlklang“ an.

Eng mit St. verbunden war A. Bruckner. An Komponisten und Musikern, die in engem Bezug mit St. standen/stehen, seien weiters G. Bauer, P. G. Benedict, S. Cerwenka, Carl Dobrauz (?–?), J. A. Dürrnberger, Fritz Eggermann (1898–1982), M. L. Fiala, P. Garstenauer, Hilde Hager-Zimmermann (1907–2002), F. Hölzlhuber, F. Kosch, K. Loidl, B. Mütter, Rudolf Reithoffer (1866–1927), Georg Schedlberger (* 1976), H. und R. Scholz, Peter Sommerer (* 1976), Alb. Stadler, W. Wagner und Walter Würdinger (* 1945) genannt.

Erste Theateraufführungen (Schulaufführungen) sind für die 2. Hälfte des 16. Jh.s belegbar, fahrende Truppen spielten spätestens ab der Mitte des 17. Jh. in St. Erst nach der Aufhebung des Klosters der Cölestinerinnen (1784) gestaltete der Magistrat die ehemalige Klosterkirche in ein notdürftig eingerichtetes Theater um, das ab 1789 provisorisch betrieben wurde. Nach einem Umbau 1796 kam es zur Verpachtung an häufig wechselnde Theaterdirektoren (u. a. K. Schikaneder, F. J. Scherzer, Joseph Lutz, Karl Ludwig Zwerenz [Vater von M. Zwerenz]). Öfters kam es zur Zusammenarbeit mit anderen Bühnen, so in den 1880er Jahren v. a. mit Linz, bedingt durch die Direktion von Jul. Laska (1884/85–90, mit Unterbrechungen). 1918–36 leitete der aus St. gebürtige Sänger Josef Sergl-Sorelli das Theater. 1936 musste das Haus aufgrund baulicher Mängel geschlossen werden. Während der NS-Zeit kam es schließlich 1938 zu einer Renovierung und Neueröffnung (Direktor 1938–44 Hans Pernegger-Pernegg). Nach 1945 wurde das Musiktheater v. a. durch Operetten abgedeckt, ab Beginn der 1950er Jahre gab es nur mehr Gastspiele des Linzer Landestheaters. Bauliche Mängel gaben Anlass, das 1924 aus einer Industriehalle entstandene Volkskino in ein (neues) Theater umzubauen (Eröffnung 1958). Nach einer umfassenden Neugestaltung erfolgte 1979 die neuerliche Eröffnung als Kulturzentrum. 2001 wurde die rund 50 Jahre dauernde Kooperation mit dem Linzer Theater beendet; seither werden meistens Tourneetheatergruppen engagiert, wobei neben dem Sprechtheater auch Opern, Operetten und Musicals zur Aufführung gelangen. Das alte Theater findet nach wie vor für Konzerte und Aufführungen der St.er Volksbühne Verwendung.

Nach 1945 blühte das musikalische Alltagsleben in St. wieder auf. So konnten sich zunächst in den 1950/60er Jahren mehrere Chöre und Vokalensembles etablieren: St.er Madrigalchor (gegr. 1952), Collegium Musicum Styrense, St.er MGV „Sängerlust“ (1959, Fusion von MGV St. und Sängerlust), Männerchor St. (1965), Arbeitersängerbund „Stahlklang“ (heute: Chorgemeinschaft „Stahlklang“ St.). Zu diesen gesellten sich später u. a. die Kärntner Sängerrunde (1972), der Club Chor St. 1984), der Chor der Musikhauptschule St. (1988), das Vokalensemble KLANG KULTUR sowie die vokalen Klangkörper der MSch. St. (women4voices, c(h)orde vocali, Bruckner-Sängerknaben). Die Instrumentalmusik bestritten nach dem Krieg im Bereich der Unterhaltungsmusik Formationen wie z. B. die Lehrlingskapelle der St.-Werke, Die lustigen 9, die Rotweiß-Kapelle und das Stardust-Quintett. Die alte Stadtkapelle wurde zunächst in den Musikverein (Gesellschaft der Musikfreunde) integriert und stand 1946–48 unter der Leitung von Franz Teleu und 1948–61 unter jener von Albert Weinschenk; 1962–88 folgte Rudolf Nones. Seit 1965 bestehen Stadtkapelle und Gesellschaft der Musikfreunde wieder als unabhängige Klangkörper nebeneinander. Aus der 1955 von der Stadtgemeinde übernommenen MSch. ging eine Bigband hervor; nach wie vor aktiv sind das Mandolinenorchester Arion und der 1. St.er Zitherverein. Der Bereich der Popularmusik wird u. a. von den St.er Musiknächteen, St.er Jazztagen oder St.er Rocknächten bgedeckt. Für kulturelle Veranstaltungen während der Sommerzeit zeichnet seit 1995 das Musikfestival St. verantwortlich.

Lit: E. W. Partsch, Anton Bruckner u. St. 2003; J. Hack (Hg.), Fs. Ges. der Musikfreunde St. 1838–1963, 1963; J. Ofner in Veröff. des Kulturamtes der Stadt St., o. Nr. (Dez. 1949) u. 20 (1960); J. Ofner in Oberösterr. Heimatbll. 2 (1948) u. 28 (1974); J. Ofner in Amtsbl. der Stadt St. 12 (1969) u. 13 (1970); Amtsbl. der Stadt St. 23 (1980), Nr. 7; J. Ofner, Fr. Schubert u. St. 1973; J. Ofner, St. 21980; J. Neuhuber, Das alte St.er Stadttheater, Dipl.arb. Wien 2004; F. Pfeffer in Veröff. des Kulturamtes der Stadt St. 19 (1959); F. Fuhrich, Theatergesch. Oberösterreichs im 18. Jh. 1968; J. Fröhler in Freinberger Stimmen 50 (1980); J. Fröhler in Oberösterr. Heimatbll. 9 (1955) u. 12 (1958); SchubertL 1997; BrucknerH 1996; www.steyr.at (10/2005); eigene Recherchen.

ChF