Song Contest
Europäischer Fernsehwettbewerb für Popularmusik (eig. Eurovision Song Contest [ESC], frz. Le Concours Eurovision de la Chanson; populäre Musik).

Mit der Entscheidung, anstelle eines Zirkusfestivals einen (medienadäquaten) Musikwettbewerb (Wettbewerb) als die Idee eines gemeinsamen Europas mitgestaltende Veranstaltung durchzuführen, wurde von der 1950 gegründeten European Broadcasting Union (EBU) der S. am 24.5.1956 in Lugano/CH mit Interpreten aus sieben Ländern erstmals durchgeführt. Orientiert am San-Remo-Festival, war das Lied, genauer das französische Chanson (gemäß dem französischen Titel der Veranstaltung) der ästhetische Mittelpunkt. Mit So geht das jede Nacht mit dem Boogie Woogie fiel der deutsche Interpret Wiener Herkunft, F. Quinn, stilistisch aus dem Rahmen des fast als Bollwerk gegen die amerikanische Musikinvasion anmutenden Festivals. Siegerin war die Schweizerin Lys Assia (Refrain). 1957 (3.3. Frankfurt am Main/D) nahm Österreich erstmals teil, Bob Martins Wohin, kleines Pony landete auf dem 10. und letzten Platz. Ein Jahr später (12.3. Hilversum/NL) erreichte L. Augustin mit Die ganze Welt braucht Liebe den 5. Platz. Die Jury bestand zunächst nur aus je zehn Mitgliedern der einzelnen Teilnehmerländer. Seit 1958 führt das jeweilige Siegerland (mit Ausnahmen) den nächsten S. durch. 1959 (11.3. Cannes/F) brachten die deutschen Zwillinge Alice und Ellen Kessler erstmals eine choreographisch gestaltete Performance ein. Österreich generalisierte seine multikulturelle Herkunft in eine multikulturelle Zukunft. Der ästhetische Vorgriff von Ferry Grafs Der k. u. k. Kalypso aus Wien brachte dennoch ex aequo mit Schweden nur den vorletzten Platz ein. 1960 (29.3. London) trug Harry Winter das von R. Stolz komponierte und dirigierte Lied Du hast mich so fasziniert vor (Platz 7). 1961 (18.3. Cannes) setzte Österreich zu früh auf Neues, auf Exotismus: der Zypriote Jimmy Markulis landete mit Sehnsucht ex aequo mit Belgien auf dem letzten Platz. Es siegte wiederum Französisches mit einem vom französischen Schauspieler Jean-Claude Pascal für Luxemburg gesungenen Titel Nous les amoureux. Für Österreich sangen 1962 (18.3. Luxemburg) Eleonore Schwarz (Nur in der Wiener Luft, Platz 13) und 1963 (23.3. London) Carmela Coren (Vielleicht geschieht ein Wunder, Platz 7). 1964 (21.3. Kopenhagen) trat U. Jürgens mit Warum nur, warum? Platz 5) und 1965 (20.3. Neapel/I) mit Sag ihr, ich laß sie grüßen (Platz 4) an. 1966 (5.3. Luxemburg) gewann er mit dem an das französische Chanson angelehnten Merci Chérie erstmals für Österreich den S. Jürgens nahm 1967 als Dirigent und 1968 als Komponist und Texter am S. teil. In den Jahren, in denen Europas Nachkriegsgeneration politisch aktiv wurde, der europäische Aufstieg basisdemokratisch in Frage gestellt wurde und eine vereinte Europa-Idee mit militärischen Mitteln entmachtet wurde, blieb der S. der Scheinwelt des Schlagers verhaftet und erweiterte diese um die Show. Der durchaus politische Gehalt des Chansons wurde mit Performances umrahmt, in denen Akteure ohne musikalischen Beitrag und politischen Bezug die Bühne belebten.

1967 (8.4. Wien) gewann Sandie Shaw in der Hofburg mit Puppet on a string von Bill Martin und Phil Coulter. Ihr barfüßiges Mini-Outfit eines Hippie-Girlies und die mädchenhafte Stimme verkörperten die medial getragene Enthemmtheit der Sixties, nicht den Ausdruck einer beginnenden grünen Gegenhaltung; mit diesem Image gewann erstmals das Vereinigte Königreich. Politisch inkorrekt mutete der Auftritt des Schwarzen Eduardo Noscirento aus Angola für die Kolonialmacht Portugal an. Dass der Wind sich drehe (O vento mudou), wurde politisch gehemmt. Österreichs Beitrag (Peter Horten mit Warum es hunderttausend Sterne gibt) kam über Platz 14 nicht hinaus. 1968 (6.4. London) setzte die Pop-Nation Großbritannien auf den Superstar Cliff Richard (Congratulations, Platz 2), die kontinentalen Schlagerhochburgen auf ihre Stars. Wencke Myhre (D) ersang mit Ein Hoch der Liebe Platz 6, der österreichische Vertreter Karel Gott kam mit Tausend Fenster auf Platz 13. 1969 (29.3. Madrid) gewann Lulu mit Boom bang-a-bang für Großbritannien, Österreich pausierte – wie auch im folgenden Jahr. 1971 (3.4. Dublin) stellte Österreich seine eigenständige künftige Musiklinie vor, den Dialektsong, der von oben verordnete Teil des später von unten getragenen Austro-Pop. Mit Musik, einem jazzigen Song im Wiener Dialekt, errang M. Mendt Platz 16. 1972 (25.3. Edinburgh/GB) bediente sich Österreich verspätet der internationalen Folk-Elemente: Ein Falter im Wind der Milestones errang Platz 5. 1973 (7.4. Luxemburg) gab es das Debüt Israels. 1974 (6.4. Brighton/GB) ersang sich die schwedische Gruppe Abba als einziger Teilnehmer des S.s überhaupt mit dem Sieg (Waterloo) langjährigen internationalen Erfolg. Wurden bisher nur die ersten Ränge von den Landesjuroren bewertet, so bekamen ab 1975 (22.3. Stockholm) die zehn bestplatzierten Punkte. Platz 1 ging an Teach-In (NL) mit Ding-a-dong. In dieser Gruppe war mit Getty Kaspers die einzige „österreichische Teilnehmerin“ im Feld. Nach drei Jahren Abstinenz kam 1976 Österreich (3.4. Den Haag/NL) mit dem Duo Waterloo & Robinson zurück. My little world errang den 5. Platz. 1977 (7.5. London) versuchte sich die linksorientierte Polit-Folk-Konzept-Gruppe Schmetterlinge mit Boom Boom Boomerang am Markt des Mainstreams mit erwartungsgemäß mäßigem Erfolg (17. und vorletzter Platz). 1978 (22.4. Paris) ersang Springtime mit Mrs. Caroline Robinson Platz 15, 1979 (31.3. Jerusalem) wurde Christina Simon mit dem seriösen Lied Heute in Jerusalem des Austro-Amerikaners P. Wolf (Text: A. Heller) ex aequo mit Belgien letzte.

In den 1980er Jahren wurde der S. zunehmend billige Werbeplattform des Fremdenverkehrs der südlichen kleineren Mittelmeerländer. Zum einzigen Mal (sieht man von Israel ab) nahm 1980 (19.4. Den Haag) mit Marokko ein außereuropäisches Land teil. Der Australier (später irische Staatsbürger) Johnny Logan begann seine Karriere als Sänger und Arrangeur melancholischer irischer S.-Beiträge (Platz 1 mit What’s another year). Mit Du bist Musik ersang Blue Danube für Österreich Platz 8. 1981 (4.4. Dublin) debütierte Zypern. Für Österreich kam Marty Brem mit Wenn du da bist auf Platz 17. 1982 (24.4. Harrogate/GB) trat die ästhetisch einstmals bestimmende Stammnation Frankreich nicht an. Die Bundesrepublik Deutschland siegte mit dem mit alternativem Schein spielenden Liedchen Ein bißchen Frieden (Nicole) in einer politisch brisanten Zeit. Das österreichische Duo Mess (Elisabeth „Lizzy“ Engstler, Michael Scheikl) hopste unbeschwert über die Bühne und erlächelte sich mit Sonntag Platz 9. 1983 (23.4. München/D) platzierte Westend (mit G. Lux) Hurricane auf Platz 9. 1984 (5.5. Luxemburg) war Anita mit dem letzten Platz Einfach weg. 1985 (4.5. Göteborg/S) ersang G. Lux als Solist mit Kinder dieser Welt Platz 8. 1986 (3.5. Bergen/N) trug die multinationale und multikulturelle Jazzerin T. Brauer das Lied Die Zeit ist einsam für Österreich vor (Platz 18). 1987 (9.5. Brüssel) sang Johnny Logan wieder für Irland (Hold me now), G. Lux wiederum für Österreich. Nur noch Gefühl landete jedoch nur auf Platz 20. 1988 (30.4. Dublin) gewann die Kanadierin Céline Dion mit Ne partez pas sans moi für die Schweiz und begründete damit ihre Weltkarriere. Punktelos wurde Wilfried mit Lisa, Mona Lisa – intoniert in der für ihn typischen individuellen Art in der Nähe des Sprechens mit brüchiger Stimme – letzter. 1989 (6.5. Lausanne/CH) errang der junge Thomas Forstner schlagernah mit Nur ein Lied Platz 5. Erstmals gewann Jugoslawien, kurz vor dem Zerfall.

Europa stand im Umbruch: In Berlin war die Mauer gefallen, der Eiserne Vorhang wurde demontiert. 1990 (5.5. Zagreb) ersang Simone mit Bezug auf diese Wende in ihrem Lied Keine Mauern mehr Platz 10. Die Einigung Europas thematisierte auch das Siegerlied von Toto Cotugno (Insieme: 1992). 1991 (4.5. Rom) landete Th. Forstner bei seinem zweiten Einsatz mit Venedig im Regen ohne Punkte auf dem letzten Platz. 1992 (9.5. Malmö/S) produzierte Dieter Bohlen Zusammen geh’n für Tony Wegas und brachte Österreich auf Platz 10. 1993 (15.5. Millstreet/IRL) war das Krieg führende Rest-Jugoslawien von der Teilnahme ausgeschlossen, Südosteuropa bewarb sich in einem internen Streit, den Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Slowenien für sich entschieden. Ihre Beiträge platzierten sie wie T. Wegas mit Maria Magdalena (Platz 14) in der zweiten Hälfte des Feldes. 1994 (30.4. Dublin) sang P. Frey, zwölf Jahre nach Nicole, Für den Frieden der Welt, eine Brunner & Brunner Produktion; wenig honoriert auf Platz 17. Der Osterweiterung folgend traten erstmals sieben ehemalige Ost-Block-Länder an. 1995 (13.5. Dublin) brachte der S. mit den neuen Ländern sehr vordergründig auf Zeitgemäßheit orientierte Musikproduktionen: laut, kraftvoll, sexy und stets volksnah – eine gering gewachsene ausverkauftsträchtige Melange. Stella Jones’ Titel Die Welt dreht sich verkehrt (Platz 13) drückte dies ungewollt aus. 1996 (18.5. Oslo) brachte George Nussbaumer erstmals älpischen Rock-Jazz in die zunehmend volkstümelnde Szene (Platz 10 mit Weil’s d’r guat got). 1997 (3.5. Dublin) dominierten Girlie-Groups. Bettina Soriat schritt mit One step auf Platz 21. Das Abstimmungsverfahren von fünf Ländern basierte nun auf Telefonumfragen des Publikums und nicht mehr den Urteilen einer Fachjury. 1998 (9.5. Birmingham/GB) wurde gänzlich über Televoting der Mainstream-Geschmack favorisiert. Österreich pausierte. 1999 (29.5. Jerusalem) gab es große Änderungen im Durchführungsmodus, die Singsprache war nun frei wählbar. Der österreichische Beitrag von Bobbie Singer Reflection erreichte Platz 10. 2000 (13.5. Stockholm) brachte Österreich Jazziges, All to you mit den Rounder Girls auf Platz 14. 2001 (12.5. Kopenhagen) war nach der französischen Phase des Chansons nun endgültig der englische Mainstream-Pop zum ästhetischen Maß geworden. Nur mehr drei der 23 vertretenen Lieder enthielten keine Anglizismen. Diesem Trend entsprach der estnische Beitrag Everybody, mit dem Tanel Padar, Dave Benton & 2XL erstmals den Sieg für einen ehemaligen Ostblockstaat davontrugen. 2002 (25.3. Tallinn) brachte Marie N mit I wanna den Sieg ins Nachbarland Lettland. Der österreichische Beitrag (nach einem Jahr Pause) von Manuel Ortega Say a word (Platz 18) könnte auch als ein ungewollter Kommentar der sexistischen Folklore des Aufschwungsüberschwangs der neuen Staaten gelesen werden. 2003 (24.5. Riga) setzte der Kabarettist Alf Poier mit Weil der Mensch zählt (Platz 6) seine kritische Dekonstruktion des Bemühens um alle Auffälligkeit um jeden Preis eines billigen Pop-Business fort. Sertab Erener gewann mit Everyway that I can für die Türkei und bot mit Haremklischees eine Projektionsplattform für europäische Männersehnsüchte sowie für Frauenmitgefühl in einem technoiden Klang-Environment. 2004 (24.5. Istanbul) präsentierten 36 teilnehmende Länder ihre Lieder zunächst in einem Halbfinale. Die österreichische Boy-Group Tie-Break sang ihre Schlagerballade Du bist im Finale auf Platz 21. Insgesamt landeten besinnliche Lieder im hinteren Feld, Sinnliches dominierte. Mit Wild Dances, einer Mischung aus Stereotypien um volkstümliche Kraft und archaischen Sex, erlangte die Ukraine bei ihrem ersten Antreten Platz 1. 2005 (19./21.5. Kiew) waren Global.Kryner, Gewinner der österreichischen Vorausscheidung, mit ihrer technoiden Volkstümelei (Así) nicht Teil des S.s, sie schieden im Halbfinale (Platz 21) aus.

Die Idee eines medial mitgetragenen vereinten Europas, zuerst von Wirtschaftsbündnissen vorbereitet, schließlich mit einem gemeinsamem Parlament und einer gemeinsamen Währung politisch realisiert, stellt sich nach anfänglicher Dominanz des französischen Chansons, des deutschen Schlagers und des britischen Pops seit den 1980er Jahren als touristische Verkaufsplattform südlicher Landschaftsexotismen und nunmehr eines in platter Form verkauften Sex-Tourismus dar. Europa ist eine politische Realität, wenn auch unterschiedlich akzeptiert, der Beitrag dieser Musik dazu scheint bescheiden zu sein. Die Verschmelzung von Immigranten-Musik mit britischer und zentraleuropäisch populärer Musik im kontinentalen Rap und Hip-Hop trägt authentisches Integrationspotential in sich.

Lit: www.eurovision.tv (12/2005); eigene Recherchen.

WJ