Bald darauf entstand auch ein Chorfrauen-Kloster. 1218 wurde hier ein von Salzburg abgespaltenes Bistum gegründet, doch lebten die Bischöfe meist auf ihrem Schloss Seggau oberhalb von Leibnitz/St oder in dem 1267 erbauten Bischofshof in Graz. Im späten 16. Jh. ließ der Landesherr, Erzhzg. Karl II., für sich und seine Gemahlin Maria eine Grablege errichten (Mausoleum). 1491 wurde das Chorfrauenstift, 1782 durch K. Joseph II. auch das Herrenstift aufgehoben. Die Bibliotheksbestände, darunter wertvolle Musikhandschriften, kamen an die UB Graz. Die Baulichkeiten wurden an die Vordernberger Radmeister-Communität verkauft, 1881 aber von wenige Jahre zuvor im Zuge des sog. Kulturkampfes aus Beuron/D vertriebenen Benediktinern mit kaiserlicher Hilfe angekauft und reaktiviert (d. h., die romanische Kirche und barocken Gebäude renoviert, rekonstruiert und z. T. auch historisierend erweitert). 1934–45 freskierte Herbert Boeckl die Engelskapelle, 1954 wurde das neuaufgedeckte Johannesfresko (13. Jh.) in die Kirche übertragen. Das endgültig nach Graz verlegte Bistum heißt seit 1963 offiziell Graz-S. 2005 wurde die Marienkapelle umgestaltet und fand die Neuweihe des Altars mit Reliquien der Hl. drei Könige aus Köln/D (urspr. Patrozinium) statt.
Der erhaltene reiche mittelalterliche Handschriftenbestand lässt die anfängliche Abhängigkeit des Scriptoriums von Salzburg sowie weitere Beziehungen nach Vorau erkennen und gehört zu den wichtigsten seiner Art im heutigen Österreich. Mehrere unikale Sequenzen ließen vorübergehend sogar an ein frühes Zentrum einschlägigen Schaffens in der Nachfolge des Adam von St. Victor (12. Jh.) denken, auch für die Überlieferung der Osterspiele gibt es gewichtige Zeugnisse. Hs. 287 enthält das älteste, irrigerweise als „St. Lambrechter Mariensequenz“ bezeichnete deutsche Marienlied der Steiermark („Ave du vil schoniu maris stella“ nach „Ave praeclara maris stella“ des Hermannus Contractus, 13. Jh.), Hs. 1501 die sog. „Heinrichslitanei“, der Liber Ordinarius mit dem beigebundenen Cantionar (Vorsängerbuch, Hs. 756 [1345]) ist eine unschätzbare Quelle für Liturgie und Gesang, auch der Volkskunde (z. B. sog. „Kindelwiegen“) der Zeit. Neben einzelnen Beispielen primitiver Mehrstimmigkeit enthält diese Handschrift auch eine einstimmige neumierte Version des Stephanus-Tropus De Stephani roseo sanguine, die der Duplumstimme von Perotins vierstimmigem Sederunt principes entspricht und die Frage des Verhältnisses aufwirft. Die früher angenommene Herkunft des Graduale Hs. 807 (ein Hauptzeuge des sog. germanischen Choraldialekts; um 1160) sowie des Codex Buranus (Carmina Burana, um 1230) aus S. ist allerdings heute (2005) nicht mehr haltbar. In der Neufassung der Consuetudines von 1418 (Hs. 380) findet sich nicht nur die Erwähnung einer Orgel, sondern des Clavichords (eine der ältesten überhaupt, es wird, wie ehedem das Monochord, zu Übungszwecken erlaubt; Klavichord). Unter Dompropst Johannes Dürnberger (1480–1510) soll Hans Pruner aus St. Veit a. d. Triesting/NÖ eine Orgel errichtet haben, die ihresgleichen suchte. Spätestens unter Propst Gregor Schärdinger (1511–41) wurde der Figuralgesang in S. eingeführt, jedenfalls ließ dieser im Mittelschiff der Basilika einen Musikchor und darauf 1524 eine (weitere?) Chororgel errichten. Über den Schulmeister Petrus Wagner (2. Hälfte des 16. Jh.s) ist nichts Näheres bekannt. Aus dem späten 16. Jh. ist auch das erste Chorbuch erhalten (Hs. 67, Kompositionen von Arnoldus Flandrus Eremita, O. di Lasso und Gallus Dreßler). Ein zweites (Hs. 22) wurde 1607 von G. Kuglmann geschrieben und belegt somit Beziehungen zu den Jesuiten in Graz. Es enthält Werke niederländischer, italienischer und deutscher Meister. Aus den Folgejahren ist wenig bekannt (der Stiftsarchivar Thomas Jurichius [† 1658] war auch als cantor tätig). Die Behauptung, der vorübergehend auch als Regens chori tätige Stiftschronist und Dekan Mathias Ferdinand Gauster (1699–1749) habe Werke J. S. Bachs systematisch gesammelt und aufgeführt, hält einer Überprüfung nicht stand. Wohin 1782 die S.er Musikalienbestände gelangten, ist unbekannt; die heutigen bauen auf denjenigen auf, die P. P. Widerhofer aus der Mariazeller Musikerdynastie bei seinem Amtsantritt als Kaplan 1878 mitgebracht hatte.
Nach einer etwa 100jährigen Unterbrechung, während der die Musik in der zur Pfarrkirche gemachten ehemaligen Stiftskirche wie üblich der Bevölkerung der Umgebung überlassen blieb, folgte 1881 auf die augustinische Tradition eine benediktinische, bei der die Verbindung nach Hohenzollern/D weiterhin zu bedenken ist (z. B. pflegen die S.er Benediktiner erst in der jüngeren Zeit Pfarr-Seelsorge). Nach Abzug des Generalabtes zurück nach Beuron 1887 wurde S. selbständige Abtei, die Ordenshochschule abgezogen, die Oblatenschule (Oberstufe des Ordensgymnasiums) aber bis 1921 hier weitergeführt. Für die schon früh eingeführten Sängerknaben wurde im ersten Jahrzehnt des 20. Jh.s ein eigenes Institut eingerichtet. In ganz besonderer Weise aber ließen sich die in Solesmes/F geschulten Gründeräbte der Beuroner Kongregation die Pflege des gregorianischen Chorals angelegen sein. Sowohl um seine Wiederbelebung als auch Erforschung (Peter Wagner war oftmals Gast hier) kann die Rolle S.s kaum überschätzt werden: die Tätigkeit der Patres C. Vivell, M. Horn, Erhard (Otto) Drinkwelder (1880–1964), Raphael Rosmann († 1959) und Laurentius Hora (1900–77) als Choralforscher und Kirchenmusiker im Besonderen bzw. die von den S.er Mönchen z. T. gepflegte Orgel-begleitete Choralpraxis (heute [2005] stark reduziert) im Allgemeinen. Außerdem sind hier eine Reihe führender Kirchenmusiker tätig gewesen (u. a. K. Walter, Ernst Trost [1905–64], Th. Wasserfaller, Josef Vollmann als Chorleiter des Abteigymnasiums) und aus der S.er Schule einige Musiker hervorgegangen (z. B. P. Paschalis Schuh, P. Benedikt Leeb, Ehrenfried Pyrker [Göttweig/NÖ], Anton Stepanek [Mistelbach/NÖ], Hans Kubik [Wien], Richard Moder [Salzburg]). Der Kirchenchor der nunmehrigen Abtei- und Pfarrkirche verblieb als Aufgabe der Pfarre (besonders verdienstvoll nach 1945: Alois Haber als Regens chori und Gabriele Burböck als Organistin). Besondere Bedeutung wurde und wird der Orgelbewegung und dem Orgelspiel (auf diversen Instrumenten seit 1886, seit 1959 eine Walcker-Orgel) sowie der Orgelforschung (L. Hora) beigemessen. Mit S. verbunden sind auch Bestrebungen zur Schaffung eines deutschen Offizium parvum für Latein-unkundige Gemeinschaften. P. Hildebrand Fleischmann veröffentlichte zu diesem Zweck 1933 das S.er Volksbrevier und 1934 das Officium divinum („S.er Schwesternbrevier“), das seit 1979 unter dem Titel Christuslob als amtliches Stundenlob von Klosterschwestern im ganzen deutschen Sprachraum verwendet wird. Die außerliturgische Musik im Leben der Mönche (z. B. zu Namensfesten der Äbte, gemeinsamen Weihnachtsfeiern, Besuch hochgestellter Persönlichkeiten) richtete sich nach anderswo üblichen Vorbildern aus, blieb aber bescheiden. Schließlich ist die Musikpflege im üblichen Rahmen des seit 1926 (mit Unterbrechung während der Vertreibung der Patres durch die Nationalsozialisten 1940–45) bestehenden Konviktsgymnasiums gebührend zu erwähnen.
TD: CD Summi regis in laude 1999 (Edition S. BASCD 4).
Lit: StMl 1962–66; L. Hora in SK 11 (1964); B. Roth, S., Gesch. und Kultur, 1164–1964, 1964; F. K. Praßl, Psallat ecclesia mater, Diss. Graz 1987; W. Lipphardt, Hymnologische Quellen der Steiermark und ihre Erforschung 1974; W. Irtenkauf in AfMw 13 (1956); R. Flotzinger in Mf 37 (1984); B. Boisits, Der Nachlaß Pater Coelestin Vivells im Stift Seckau (Steiermark), Dipl.arb. Graz 1988; B. Boisits, Coelestin Vivell, ein Choralforscher aus dem Stift Seckau (Steiermark), Diss. Graz 1995; B. Boisits/R. Flotzinger in M. Fink et al. (Hg.), [Fs.] W. Salmen 1991; H. Federhofer, Musik u. Gesch. 1996; R. Federhofer-Königs in KmJb 42 (1958); R. Flotzinger in Stud. mus. 31 (1989); R. Flotzinger in I. Fuchs et al. (Hg.), [Kgr.-Ber.] J. S. Bach Wirkungsgesch. 1992; [Kat.] Musik i. d. St. 1980; A. Kern, Die Handschriften der UB Graz, 3 Bde. 1942–67; A. Kollbacher, Musikpflege in Mariazell 1995; V. Róna, „Mit Loben durch der Psalmen Klang“. Die vorkonziliaren Laien- u. Schwesternbreviere von P. Hildbrand Fleischmann OSB, Dipl.arb. Graz 2000.
RF