Sängerfest
Organisierte Zusammenkunft von Gesangvereinen.

Die aufblühende Männergesangbewegung, vereint mit bürgerlich-liberalen Zielsetzungen, nationalen Bestrebungen und anderen Faktoren, führte in der 1. Hälfte des 19. Jh.s zur Etablierung der S.e als Darstellungs- und Begegnungsform. Neben dem geselligen Moment ging es v. a. um das Messen des sängerischen Könnens (Wettbewerbe) sowie um die Manifestierung der überregionalen Einigungswünsche und die Tradierung von nationalem Gedankengut. Treibende Kräfte gingen hierbei vom süddeutsch/schwäbischen Raum aus, nicht umsonst wurde bereits 1826 am Zürcher See das erste große Schweizer S. und am 4.6.1827 im schwäbischen Plochingen das erste „deutsche“ (!) S. veranstaltet. In unregelmäßiger Abfolge folgten nun S. – meist verbunden mit einem Wertungssingen – unter unterschiedlichsten Bezeichnungen („Allgemeines S.“, „Großes S.“, „Deutsches S.“, „Allgemeines deutsches S.“), an denen 1–2.000 Sänger teilnahmen (u. a. 1838 Frankfurt am Main/D, 1845 Würzburg/D, 1846 Köln/D [Festdirigent: Felix Mendelssohn Bartholdy]). Das bedeutendste unter ihnen war jedoch das „Große Deutsche S.“, das 1861 in Nürnberg/D abgehalten wurde. Einerseits übertraf es mit rund 5.500 Teilnehmern die bis dahin veranstalteten S.e bei weitem, andererseits legten die immer stärker werdenden Einigungsbestrebungen hier den Grundstein für die Gründung des Deutschen Sängerbundes (DSB). Von Interesse ist, dass bereits 1845 acht Sänger aus Wien am Würzburger S. teilnahmen und 1851 in Passau/D 21 österreichische Sänger anwesend waren. Der Wiener Männergesang-Verein konnte in Nürnberg 1861 sogar den Ehrenpreis beim Wertungssingen erringen. Vereinzelt fanden auch damals schon S. auf dem Gebiet des heutigen Österreich statt, so z. B. 1849 in Salzburg. Als erstes großes S. Österreichs gilt jedoch das am 29. und 30.6.1861 in Krems/Und/Stein/NÖ abgehaltene S., an dem ca. 1.100 Sänger teilnahmen.

Der DSB verankerte bereits in seinen Gründungsstatuten 1862 die regelmäßige Abhaltung von gesamtdeutschen S.en. Diese sog. „Deutschen Sängerbundesfeste“ sollten als Höhepunkte der Männerchorbewegung zwar regelmäßig (zuerst alle vier Jahre, ab 1908 alle fünf Jahre) veranstaltet werden, in der Praxis fanden sie jedoch zunächst aufgrund politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen sehr unregelmäßig statt: Dresden/D (1865), München/D (1874), Hamburg/D (1882), Wien (1890), Stuttgart/D (1896), Graz (1902), Breslau (Wrocław/PL; 1907), Nürnberg (1912), Hannover/D (1924), Wien (1928), Frankfurt am Main (1932) und Breslau (1937). Gerade mit der Vergabe der Sängerbundesfeste an nicht in Deutschland bzw. an in Grenzgebieten liegende Städte sollte ein sichtbares Zeichen im Hinblick auf die „nationale“ Sache gesetzt werden. Den fast einsamen Höhepunkt in dieser Hinsicht stellt das monumentale 10. Deutsche Sängerbundesfest 1928 in Wien dar, im Zuge dessen eindeutige und sehr vehemente Anschlussforderungen – im Beisein hoher österreichischer und ausländischer Politiker aller Lager – manifestiert wurden, obwohl es offiziell Fr. Schubert gewidmet war. Im gleichen Jahr wurde auch das einzige Sängerbundesfest des Deutschen Arbeitersängerbundes vor dem Zweiten Weltkrieg in Hannover veranstaltet. Die Abhaltung des 13. Deutschen Sängerbundesfestes war zwischen 1940/42 in Wien geplant, kam jedoch infolge des Krieges nicht zustande. Sänger aus Österreich besuchten regelmäßig die Deutschen Sängerbundesfeste, wenngleich in unterschiedlicher Intensität. Vom Ablauf her gliederten sich die Sängerbundesfeste in ihrer Blütezeit in sog. „Hauptaufführungen“ (2, später 3), „Kommerse“ und einen monumentalen Festumzug. Das lässt erkennen, dass die musikalische Komponente nur eine unter mehreren war. Hinzu kam, dass das künstlerische Niveau der Hauptaufführungen bereits nach dem 1. Deutschen Sängerbundesfest in Dresden 1865 kritisiert wurde. Als Gründe sind in erster Linie mangelhafte Aufmerksamkeit und Teilnahme der Sänger, schlechter Probenbesuch, unausgewogene Akustik in den Sängerhallen, schwache Programmgestaltung und lange Auf- bzw. Abtrittszeiten der Sänger zu nennen. Um diese Probleme in den Griff zu bekommen, entwarf E. Kremser 1898 ein Reformprogramm, nach dem der DSB 1899 eine Reform der Sängerbundesfeste beschloss. Zentral blieben die Hauptaufführungen, so fanden z. B. in Wien 1928 drei Hauptaufführungen mit je 40.000 Sängern in einer eigens errichteten Sängerhalle im Prater (Wien II) statt.

Neben den gesamtdeutschen Sängerbundesfesten veranstalten auch einzelne Sängerbünde, Sängergaue („Gaufeste“) und Männergesang- bzw. Gesangvereine S.e. Diese können anlässlich eines Gründungsjubiläums, einer Fahnenweihe oder aus einem anderen Grund (u. a. Komponistengedenken) stattfinden. In den österreichischen Bundesländern reicht die Tradition der Bundesfeste der jeweiligen Sängerbünde bis in die 1860er Jahre zurück (Tirol 1860 [Schwaz], Steiermark 1863 [Graz], Kärnten 1864 [Klagenfurt], Niederösterreich und Wien 1864 [Wiener Neustadt], Oberösterreich und Salzburg 1865 [Linz], Vorarlberg 1868 [Dornbirn], Burgenland 1951 [Pinkafeld]). Neben den Bundesfesten gab/gibt es jedoch noch andere Arten von S.en, so veranstaltete man z. B. am 31.1.1897 in Wien eine monumentale Schubert-Huldigungsfeier, am 7.5.1908 im Schönbrunner Schlosspark eine Kaiserhuldigungsserenade (mit 7.000 Sängern!) oder am 27.5.1923 in Schönbrunn ein von 10.000 Sängern besuchtes Sängertreffen mit dem Motto: „Das deutsche Lied dem deutschen Leid“. Heute (2005) rücken die klassischen S.e, wie sie bereits im 19. Jh. ausgeprägt wurden, immer mehr zugunsten von Veranstaltungen in den Hintergrund, die Titel wie z. B. „Chortreffen“, „Chorfestival“, „Chorwoche“, „Singwoche“, „Chorwochenende“, „Chor-Weekend“ oder „Chorwerkstatt“ tragen, wobei die künstlerische Komponente in den letzten Jahrzehnten stark forciert wurde. Politische Botschaften fehlen weitgehend, auch der gesellige Aspekt verliert zunehmend an Bedeutung, wenngleich auch heute noch S. veranstaltet werden, die der Tradition Tribut zollen, indem sie den Namen „Bundesfest“ tragen (z. B. 25. Bundesfest des Kärntner Sängerbundes 2005).

Lit: MGG 2 (1995) [Chor und Chormusik] u. 8 (1960) [Männerchor]; BrucknerH 1996; F. Brusniak/D. Klenke in Mf 52/1 (1999); F. Brusniak/D. Klenke (Hg.), [Kgr.-Ber.] „Heil dt. Wort u. Sang!“ Nationalidentität u. Gesangskultur in der dt. Gesch. 1995; D. Klenke, Der singende „dt. Mann“. Gesangvereine u. dt. Nationalbewußtsein v. Napoleon bis Hitler 1998; R. Kötzschke, Gesch. des dt. Männergesanges 1927; B. F. Gellert et al. (Hg.), [Fs.] Der Dt. Sängerbund 1862–1912, 1912; F. J. Ewens (Hg.), Das dt. Sängerbuch 1930; Ch. Fastl, „Waldigen Hang, grünendes Tal durchtön’ dt. Sang mit mächtigem Schall!“, Diss. Wien 2003; Land der Chöre. Dokumentation über den Österr. Sängerbund 1991; J. G. Eder, Wr. Musikfeste zw. 1918 u. 1938, 1991; E. Bild, [Fs.] Der Niederösterr. Sängerbund 1863–1913, 1913; A. Kränzl, Gesch. des nied.-österr. [sic!] Sängerbundes 1863–1888, 1888; Riemann 1929 u. 1967 [Sängerbünde]; R. Noltensmeier (Hg.), Metzler Sachlex. Musik 1998 [Sängerbünde]; www.chorverband.at (2/2005).

ChF