Gymnasialzeit in Graz und Klagenfurt (Musikunterricht von E. Komauer), Studium der Musikwissenschaft bei G. Adler an der Univ. Wien (Dr. 1906), 1904–08 Privatschüler A. Schönbergs. Intermittierende Tätigkeit als Theaterkorrepetitor und -kapellmeister; 1918–20 „Vortragsmeister“ im Verein für musikalische Privataufführungen, bis 1935 Chorleiter (u. a. Wiener Schubertbund , Mödlinger MGV, Freie Typographia), bis 1936 gastierender Rundfunk- und Konzertdirigent. Unter dem Austrofaschismus (Faschismus) und Nationalsozialismus erzwungene Konzentration auf Privatunterricht; zunehmende Vereinsamung.
Nach frühen, aber bereits auffallend konzentrierten Werken in einem noch relativ unspezifischen spätromantischen Idiom (Im Sommerwind f. Orch. 1904) führte der Unterricht Schönbergs W. zu einer freitonalen Sprache, unmissverständlich geprägten Charakteren und thematischer Durcharbeitung ( Passacaglia op. 1). Der Prozess zunehmender Verdichtung brachte eine Reihe atonaler „expressionistischer“ Instrumentalminiaturen hervor (Bagatellen f. Streichquartett op. 9). Auch nach Beendigung des eigentlichen Unterrichts dauerte die intensive Auseinandersetzung mit dem Denken und Schaffen Schönbergs bis zum Ende an; aber gerade in dieser oft mit Händen zu greifenden Bezugnahme konnte sich die Individualität des Schülers deutlich herausstellen. Die ausschließlich vokalen (veröffentlichten) Werke der mittleren Periode weisen fließende Übergänge zwischen Liedern mit Ensemble- und mit Orchesterbegleitung auf – eine Ausdifferenzierung des Tutti (wie aller Kompaktheit), die einen entscheidenden Gewinn bedeutet. Trotz gewisser expansiver Tendenzen (auch die weiter gespannte Melodik reicht ins Spätwerk hinüber) ist der Stil äußerst nuanciert, kontrapunktisch zerfasert, während ein förmliches System motivischer Vernetzungen (Varianten und Ähnlichkeiten) das Ganze durchzieht.
Im Spätwerk (das nach dem Streich-Trio op. 20 als einem Werk des Übergangs mit der Symphonie op. 21 von 1927/28 einsetzt) spielt Instrumentalmusik wieder eine größere Rolle. Es wird bestimmt von Konsequenzen, die sich aus einer gründlichen Revision des musikalischen Denkens (Gedanke) auf der Basis einer individuellen Aneignung der Zwölftontechnik ergeben, die bereits in den Volkstexten op. 17 einbezogen worden war. Gegen alle Aufhebungstendenzen im Harmonischen, Thematischen, Instrumentatorischen ist das Bestreben unverkennbar, Stabilität in den Verhältnissen zu gewinnen, mit den Kompositionen zugleich prinzipielle Aufgabenstellungen und modellhafte Lösungen zu präsentieren. Bei fester Verzahnung der Stimmen herrscht sorgfältigste Kontrolle über die Zusammenklänge. Als Ideal wird eine Synthese aus homophoner und polyphoner Darstellungsmethode angestrebt. Aus permanentem Wechsel der Reihenformen resultiert etwa eine stehende Harmonie, durch Polyphonie der Reihenzüge ein quasi homophoner Satz. Kanonische Bildungen werden so ineinander verschränkt, dass sie einen Schwebezustand ohne schrittweise Verankerung in fundierenden Bässen erzeugen. So wie aber in den Gesängen der mittleren Periode die Zeilenstruktur unverkennbar intakt bleibt, so bewahrt das Spätwerk Grundzüge des thematischen Denkens, bleiben noch in den aufgelöstesten Sprachformen die Kategorien der klassischen Syntax erhalten: Vorder- und Nachsatz, Aufstellung und Überleitung, Variation und Kadenz.
Die relative Kürze praktisch aller seiner Stücke ließ W. selbst seinen Status als den eines Lyrikers bestimmen, auch wenn er mit Ausnahme der Oper die überlieferten Gattungen durchlief, und im Spätwerk so etwas wie die Essenz von Symphonie , Konzert , Variationen , Streichquartett , Kantate im Auge hatte. Obwohl der Farbe (Klangfarbe) kein Eigenwert, sondern allenfalls verdeutlichende Funktion zugestanden sein sollte, ist es das Werk für Werk individuelle, sich aus Besetzung, instrumentaler Idiomatik, intervallischer Physiognomie und Satztechnik jeweils neu komponierende Klangresultat, durch das seine Musik immer wieder bereits bei ihrem Erscheinen zu faszinieren vermochte.
Nach dem Krieg zunächst vergessen und allenfalls in geschlossenen Zirkeln (so von der österreichischen Sektion der IGNM) gepflegt (während eine ganze Reihe von W.-Schülern an der Wiener MAkad. praktisch inkognito wirkte: R. Hauser, Ratz, Swarowsky, F. Wildgans), erlebte W.s Musik in den späteren 1950er Jahren in Darmstadt/D eine gewisse Renaissance als Projektionsfläche für die Bestrebungen des Serialismus, wogegen die Angehörigen der Zweiten Wiener Schule kaum etwas auszurichten vermochten. Die reduzierte Sicht auf den Webernschen Konstruktivismus konnte erst in den 1970er Jahren einigermaßen relativiert werden.
Das Bild kaum eines anderen Komponisten ist (2006) in solchem Maße durch Rezeptionsklischees verstellt. Die Bescheinigung völliger „Abseitigkeit“ ist immerhin durch die nachhaltige Wirkung des W.schen Schaffens Lügen gestraft worden, aber selbst manches zumindest halb bewundernd verwendete Attribut hat den Zugang zu seiner musikalischen Welt eher blockiert als befördert.
P: Großer Musikpreis der Stadt Wien 1924 u. 1931.
W (31 gezählte Opera): f. (Kammer-)Orch.: Passacaglia op. 1, Stücke opp. 6 u. 10, Symphonie op. 21, Konzert op. 24, Variationen op. 30; Kammermusik: Stücke f. V. bzw. Vc. u. Kl. opp. 7, 11; Sätze bzw. Bagatellen f. Streichquartett opp. 5, 9; Quartett f. V., Klar., Tenorsax, Kl. op. 22; Streichquartett op. 28; f. Kl.: Variationen op. 27; f. Chor: (Kanon a cappella) Entflieht auf leichten Kähnen op. 2, (m. Instrumenten resp. Orch.:) Lieder op. 19, Das Augenlicht op. 26, Kantaten opp. 29, 31; Lieder u. Gesänge f. Solost. m. Ensemble- od. Orch.begleitung opp. 2, 8, 13–18; Kl.lieder opp. 3, 4, 23, 25. Bearbeitungen: Ricercata (6st., aus J. S. Bach, Ein musikalisches Opfer) f. Orch., Fr. Schubert, Dt. Tänze f. Kammerorch.; Klavier- u. Kammerbearbeitungen v. Werken Schönbergs. – Verlag: Universal Edition ; für eine Reihe v. nachgelassenen Kompositionen: Carl Fischer, New York, bzw. Boosey & Hawkes, London.
Schr: bisher nur Einzelveröffentlichungen, Verzeichnis bei N. Boynton in K. Bailey (Hg.), W. studies 1996; Der Weg zur neuen Musik, hg. v. W. Reich 1963; Briefe an Heinrich Jalowetz, hg. v. E. Lichtenhahn 1999; Über musikalische Formen, hg. v. N. Boynton 2002.
TD: A. Berg: Violinkonzert, 3 Sätze aus der Lyrischen Suite f. Streichorch.; Schubert/Webern: Dt. Tänze; 2 Volksliedbearbeitungen v. J. Brahms u. Schönberg.
Lit: H. u. R. Moldenhauer, A. v. Webern. Chronik seines Lebens u. Werkes 1980, H. Krellmann, A. W. in Selbstzeugnissen u. Bilddokumenten 52001; K. Bailey (Hg.), W. studies 1996 [Lit.verz.]; M. Hayes, A. W. 1996; H. Krones (Hg.), A. W. Persönlichkeit zw. Kunst u. Politik 1999; Th. Reinecke, Hildegard Jone (1891–1963). Untersuchungen zu Leben, Werk u. Veröffentlichungskontexten; zugleich eine Studie zu einigen Figuren im Denken A. W.s u. den von ihm vertonten Texten 1999; F. Wörner, „...was die Methode der ‚12 Ton-Komposition‘ alles zeitigt ...“. A. W.s Aneignung der Zwölftontechnik 1924–1935, 2003.
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