Thier (Thir, Thür, Dirr, Dürr), Familie

Die aus dem Füssener Raum stammende Geigenbauerfamilie war in drei Generationen in Wien bzw. Pressburg ansässig.

Johann Georg: * ca. 1710 Prem bei Schongau/D, † 29.3.1779 Wien. Sohn des Bauern Hans Georg Dürr; legte am 1.9.1738 in Wien den Bürgereid ab. Am 10.1.1740 verehelichte er sich mit Maria Theresia Supper (ca. 1693–5.5.1786). Seine Werkstätte dürfte die größte im damaligen Wien gewesen sein. T. verstarb an „Schlagfluß“ und hinterließ ein beträchtliches Vermögen. Die Witwe führte das Gewerbe bis 1781 weiter, worauf es an F. Geissenhof überging.

T. zählt zu den besten Wiener Geigenbauern seiner Epoche. Er verwendete ein lang gestrecktes Modell mit hoher Wölbung. Seine f-Löcher erinnern an J. Stainer und wie dieser brachte er an seinen Geigen gelegentlich geschnitzte Löwenköpfe aus Birnenholz an. Sein Lack ist meist bräunlich schattiert, zeigt gelegentlich auch hellere, rote Farbtöne. Bis heute sind seine Geigen gesuchte Orchesterinstrumente, noch höher eingeschätzt werden seine Violoncelli und Kontrabässe. (Vermutlich) sein Neffe

Mathias: * ca. 1742 (Ort?), † 10.5.1806 Wien. Ob er bei J. G. gelernt hat, kann nur Vermutung bleiben. Den Bürgereid legte er 1770 ab. Laut Lütgendorff soll er oft ein Dutzend Gesellen beschäftigt haben. Ab 1800 war T. Obervorsteher der Wiener Geigenmacher und hatte es zu einem großen Vermögen gebracht. Neben der Witwe Elisabeth erbten die beiden Söhne Anton (als angehender Geigenmacher) und Franz sowie die Tochter Maria Anna. Die Witwe führte das Gewerbe noch bis 1808, worauf es gelöscht wurde.Bedingt durch die Größe seiner Werkstätte sind von M. T. bis heute viele Streichinstrumente aller Gattungen erhalten geblieben. Anscheinend hat er bewusst unterschiedliche Preissegmente abgedeckt, so dass sich neben handwerklich gut gearbeiteten Instrumenten auch weniger sorgfältig gebaute finden, die meist einen dunklen, unattraktiven Lack tragen. Während er anfänglich entsprechend der Wiener Tradition hoch gewölbte Geigen baute, übernahm er nach und nach Stilelemente der Italiener, ohne allerdings wie beispielsweise Geissenhof das Stradivari-Modell zu kopieren. Sein Sohn

Anton (III): * 1783 Wien, † 13.11.1848. Möglicherweise lernte er bei M. I. Stadlmann. T. legte 1807 den Bürgereid ab und erhielt danach ein Gewerbe. Er war verheiratet mit Franziska Krämer (1782–1818), die ihm drei minderjährige Kinder hinterließ.

Die in Pressburg ansässige Linie der Familie geht zurück auf

Anton (I): * 2.10.1729 Birnbaum/D, † 8.8.1788 Pressburg. Hier soll er um 1750 gearbeitet haben, das Bürgerrecht erlangte er am 27.5.1757. Er war verheiratet mit Barbara Denn (Dähn). Laut Lütgendorff verwendete er ein hochgewölbtes Stainer-Modell und einen feurigen, rotbraunen Lack. Dessen Söhne

Andreas: * 11.8.1765 Pressburg, † 20.5.1803 Pressburg. Erlangte dort am 30.12.1785 das Bürgerrecht. Am 17.10.1786 heiratete er Apollonia Michaeli (1766– 1812). Er arbeitete nach einem relativ flach gewölbten Amati-Modell.

Anton (II): * 6.10.1767 Pressburg, † 29.12.1837 Wien. Erlangte am 22.4.1790 in Wien das Bürgerrecht. Laut Senn soll er als Gehilfe von F. Geissenhof gearbeitet haben. Die Abgrenzung zu seinem namensgleichen Verwandten ist schwer, noch dazu, da beide zeitweilig in unmittelbarer Nähe in der Singerstraße ihre Werkstätte hatten. Spätestens 1811 war er 2. Vorsteher der Wiener Geigenmacher. Seine Geigen sind nach einem flachen, breiten Stradivari-Modell gearbeitet und zeigen einen dunklen, weichselbraunen Lack.

Lit: R. Bletschacher, Die Lauten- u. Geigenmacher des Füssener Landes 1978, 209; W. Hamma, Geigenbauer der Dt. Schule des 17. bis 19. Jh.s 2 (1986); A. Hajdecki, Quellen zur Gesch. der Stadt Wien I/6 (1908), 8381; W. Henley, Universal Dictionary of Violin and Bow Makers, ND 1973; H. Haupt in StMw 24 (1960), 180; Hopfner 1999; C. W. Jaura in Musikpädagogische Zs. 15 (1925), 35; A. Layer, Die Allgäuer Lauten- u. Geigenmacher 1978, 189f; Lütgendorff 1975 u. 1990; R. Maunder in The Galpin Society Journal 52 (April 1999), 44f; Ottner 1977; Prochart 1979; R. Vannes, Dictionnaire Universel des Luthiers 1979; W. Senn in NDB 6 (1964) [F. Geissenhof]. – WStLA (TBP 1779; Verlassenschaftsabhandlungen Magistratisches Zivilgericht 258/3/1799, 2/2388/1790, 2/784/1806; Konskriptionsbögen).

RHo