Ab 1865 studierte St. in Würzburg/D zunächst Jura um „einen Beruf zu haben, der mir freie Zeit für die Musik lassen würde.“ Die Begegnung mit F. Brentano veranlasste St. zum Philosophiestudium und zeitweiligen Eintritt in das Priesterseminar (1869/70). Auf Anregung Brentanos ging St. 1867 zu Rudolph Hermann Lotze (1817–81) nach Göttingen/D. Nach Promotion (1886) und Habilitation (1870) in Göttingen wurde St. 1873 Nachfolger Brentanos in Würzburg. 1879 erfolgte seine Berufung nach Prag, wobei sich Brentano für St. einsetzte, „um in Österreich noch mehr Boden“ für eine an der Naturwissenschaft orientierte Philosophie „zu gewinnen.“ Die nationalen Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Tschechen veranlassten St., 1884 eine Berufung nach Halle/D anzunehmen, ehe er 1889 nach München/D wechselte. 1893 ging St. nach Berlin, wo er auf einen neu geschaffenen dritten Lehrstuhl für Philosophie berufen wurde. Damit verbunden war die Errichtung eines Seminars für experimentelle Psychologie, das St. bis zu seiner Emeritierung 1921 leitete.
Die musikwissenschaftliche Bedeutung St.s liegt in seinen ausgedehnten wahrnehmungspsychologischen Untersuchungen zur auditiven Wahrnehmung, mit denen er den Grundstein für die Entwicklung der Musikpsychologie legte, sowie in seiner Rolle für die Musikethnologie, zu deren Entstehung er mit eigenen Arbeiten und der Errichtung des Berliner Phonogrammarchivs einen wichtigen Beitrag leistete.
P: Dr. med. h. c. der Friedrich-Wilhems-Univ. Berlin 1910; Orden Pour le mérite 1928; ordentliches Mitgl. der Bayerischen Akad. der Wissenschaften ab 1890 u. der Berliner Akad. der Wissenschaften ab 1895
Schr: Über den psychologischen Ursprung der Raumvorstellung 1873; Tonpsychologie, 2 Bde. 1883 u. 1890; Das Berliner Phonogrammarchiv in Internationale Wochenschrift f. Wissenschaft Kunst u. Technik. Beilage der Münchner Allgemeinen Ztg. 22.2.1908; Über die Bedeutung ethnologischer Untersuchungen f. Psychologie u. Ästhetik der Tonkunst in F. Schumann (Hg.), [Kgr.-Ber.] Experimentelle Psychologie. Innsbruck 1910, 1911; Konsonanz und Konkordanz in [Fs.] R. Frh. v. Liliencron, hg. v. Vertretern dt. Musikwissenschaft 1910; Die Anfänge der Musik 1911; Erinnerungen an Franz Brentano in O. Kraus (Hg.), Franz Brentano. Zur Kenntnis seines Lebens u. einer Lehre 1919; Beitrag in R. Schmidt (Hg.), Die Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen 5 (1924); Die Sprachlaute. Experimentell-phonetische Untersuchungen. Nebst einem Anhang über Instrumentalklänge 1926; Erkenntnislehre, 2 Bde. 1939 u. 1940.
Lit: G. Oberkofler (Hg.), Franz Brentano. Briefe an C. St. 1989; K. Schuhmann in L. Albertazzi et al. (Hg.), The School of Franz Brentano 1996; T. Zeiler, Die musikethnologische Forschungsarbeit C. St.s 996; H. Sprung, C. St. – Schriften zur Psychologie 1997; A. Schneider in M. Leman (Hg.) Music, Gestalt and Computing 1997; W. Baumgartner (Hg.), C. St. 2002.
GK