Das Musikleben Wiens erlebte in diesen Monaten eine auch von staatlicher Seite geförderte dichte Abfolge von Bällen, Redouten, Festen, Feuerwerken, Hoftafeln, Konzerten und Opernaufführungen (es lassen sich ca. 84 Feste in den neun Monaten des Kongresses verzeichnen). Metternich nützte diese Versammlungen, um die Meinung der Unterhändler der einzelnen Länder durch Konfidente ausspionieren zu lassen bzw. sollte das Rahmenprogramm die Unterhändler ermüden und es Metternich erleichtern, seinen Willen in den Hauptverhandlungen durchzusetzen. In diesem Sinne ist auch der berühmte Ausspruche Karl Joseph von Lignes zu sehen: „Le Congrés danse et ne marche pas, ce qui fait rien ne transpire que ces messieurs“ („Der Kongress tanzt und kommt nicht weiter. Daher sickert [von den Verhandlungen] nichts durch = daher schwitzt niemand als diese Herren“).
Wien befand sich zum Zeitpunkt des Wr. K.es an einem Wendepunkt der Entwicklung des Musiklebens: Der Hof wirkte noch einmal als Veranstalter von Festen und Opernaufführungen, doch dominierten die Bälle des Adels (v. a. Rasumowsky, Schönborn, Zichy, Metternich) bzw. der diversen Gesandten, Konzerte und Akademien (in der Mehlgrube, im Kärntnertortheater und Burgtheater bzw. Redoutensaal) und die unzähligen Theateraufführungen das Musikleben; von den Gesandten und Beobachtern wurde die Vielfalt und Qualität mit Staunen registriert; aufgrund der (teilweise gedruckten) Berichte und Beschreibungen entstand wohl der Topos (Klischee) von Wien als „Welthauptstadt der Musik“ (Musikstadt Wien). Die Musikproduktion (Komposition wie Druck) erlebte einen Höhepunkt, was Musiker aller Gattungen von J. Wilde und M. Pamer über F. Starke bis L. v. Beethoven zu nutzen verstanden; v. a. im Bereich der Tanzmusik entstanden zahlreiche Kompositionen, die sich in Titel bzw. Widmung auf den Kongress bzw. die anwesenden Herrscher (z. B. Alexander-Walzer) bezogen. In den Tänzen vollzog sich ebenfalls ein Wandel: der Walzer war eher noch ein Tanz des Volkes, zu dessen Tanzstätten sich gehobene Besucher lieber inkognito begaben; fallweise wurden sie auch schlicht falsch gedeutet (z. B. die Ernsthaftigkeit belächelt, mit der ein Ländler – als Menuett missdeutet – getanzt wurde). Tatsache ist, dass die in ihre Heimat Zurückkehrenden den Ruf Wiens als Musikstadt ebenso in ganz Europa verbreiteten wie das Interesse am nun erst modisch werdenden Walzer (daher erschien eine der frühesten systematischen Beschreibungen 1816 in London) – in wieweit es auf der anderen Seite zu einem „Musikimport“ durch die Gäste (die jedoch durchwegs ohne begleitende Musiker reisten) gekommen war, kann heute (2006) noch nicht mit Bestimmtheit festgestellt werden.
Lit: ÖL 1995; MGÖ 2 (1995); [Kat.] 150 Jahre W. K. 1965; Der W. K. 1983; Chr. Schöndorfer, Lustspiele am Burgtheater im W. K., Diss. Wien 1956; [Kat.] Bürgersinn und Aufbegehren 1988; eigene Forschungen.
RF/ETH