Walther von der Vogelweide
* ca. 1170 (Ort?), † ca. 1230 Würzburg?/D. Dichter, Komponist und Sänger.

Bedeutendster deutschsprachiger Lyriker des Mittelalters: Als Seltenheit für mittelalterliche Autoren haben wir über ihn eine archivarische Nachricht, nämlich eine Notiz in der „Reisebuchhaltung“ des Bischofs Wolfger von Passau, an dessen Hof bald nach 1200 das Nibelungenlied aufgezeichnet worden ist. Am 12.11.1203 ist verzeichnet: „walthero cantori de vogelweide“ erhielt fünf „solidos longos“ (150 Silberpfennige) für einen Pelzmantel. Ein einzigartiges Geschenk des großzügigen Mäzens für den berühmten Autor. Über seine Herkunft wissen wir nichts, denn es gibt viele Vogelweiden/Vogelweiderhöfe, wo Singvögel gehalten wurden, die man dann an Höfe verkauft hat. Franken, Südtirol und das Waldviertel werden immer wieder genannt, doch könnte es sich auch um einen poetischen Namen (Pseudonym) handeln. Er selbst sagt nur, dass er in Österreich „singen und sagen“ gelernt hat. Damit dürfte er den kunstbeflissenen Wiener Hof gemeint haben, wo er bis zum Tod des Babenberger Hzg.s Friedrich I. († 1198) gewesen ist. Dann finden wir ihn an zahlreichen Fürstenhöfen: bei Philipp von Schwaben, Hermann von Thüringen, ab 1212 am Hof K. Ottos IV., bei Markgraf Dietrich von Meißen, K. Friedrich ll., Hzg. Bernhard v. Kärnten u. a.

W. ist durch drei epochale Neuerungen in seiner Lyrik hervorgetreten: Er hat als erster Dichter und Komponist des Mittelalters politische Lyrik geschrieben und die Herrschenden (Kaiser, König, Fürsten) und den Papst heftig kritisiert, aber auch gelobt. Die Sorge um die Zustände im Reich steht im Mittelpunkt. Zweitens ist er der erste deutschsprachige Autor, der sein Ich so sehr in den Vordergrund gestellt hat – ein neues Selbstbewusstsein eines prominenten Fahrenden. Drittens hat er den traditionellen Minnesang mit der Verehrung der unerreichbaren Dame überwunden, indem er die gegenseitige Liebe zum Thema machte. Im Alter hat er den Abschied von der Welt und religiöse Themen behandelt. Mittelalterliche Lyrik war gesungene, vor einem exklusiven Publikum vorgetragene Lieddichtung, doch ist von W. nur eine einzige Melodie zum sog. Palästinalied erhalten.

Wie faszinierend der Autor heute (2006) noch ist, zeigen die zahlreichen Liedermacher, von denen Aufnahmen vorliegen.

Schr: Kritische Ausg.n v. K. Lachmann, 14., völlig neu bearb. Aufl. v. Ch. Cormeau 1996; G. Schweikle, 2 Bde. 1994–96; neueste Übertragung ins Neuhochdt.e v. F. V. Spechtler 2003.

Lit: H. Brunner et al., W. v. d. V. Epoche – Werk – Wirkung 1996 (mit Diskographie); Th. Bein, W. v. d. V. 1997; M. G. Scholz, W. v. d. V. 1999.

FVS