Man kann davon ausgehen, dass Studenten immer schon gesungen haben, wenn ihre Lieder in früherer Zeit auch nur vereinzelt bezeugt sind. Mit der Entwicklung studentischen Selbstbewusstseins im deutschen Sprachraum seit dem späten 18. Jh. stieg auch der Bedarf an studentischem Liedgut (erste Publikation: Kindleben 1781). Nach Aufhebung der Karlsbader Beschlüsse 1848 kam es zum Aufleben von Studentenverbindungen und zur Herausgabe von „Kommersbüchern“, die studentisches Liedgut gesammelt anboten, und zwar zunächst in Deutschland. Zum überlieferten Repertoire (Ständelieder, Gesellschafts- und Festlieder, Lieder für Kneipe und Kommers, Trinklieder und Rundgesänge, Liebes-, Abschieds- und Wanderlieder, Balladen, Scherzlieder, Naturlieder) traten nun Neuschöpfungen im Sinne nationalliberaler Positionierung einerseits (z. B. Was ist des Deutschen Vaterland? von Ernst Moritz Arndt, M: Gustav Reinhardt) und romantischer Rückbesinnung andererseits (z. B. O alte Burschenherrlichkeit von Eugen Höfling?, M: unbekannt). Neu dazu kamen nun Loblieder auf Universitätsstädte (z. B. Alt-Heidelberg, du feine, Joseph Victor von Scheffel, M: Anton Zimmermann) und scherzhaft-historische Lieder (z. B. Als die Römer frech geworden; Scheffel, M: Ludwig Teichgräber). Auf mittelalterliche Vagantenpoesie gehen lateinische Lieder wie Gaudeamus igitur zurück; letzteres erklingt in Österreich bis heute (2005) bei akademischen Feiern, wenn auch häufig nur noch vom Tonband. 1880 erschien das von Max Breitenstein herausgegebene Commersbuch der Wiener Studenten, das insbesondere für die Universitätsstädte der Donaumonarchie gedacht war und sich betont österreichisch gegen die großdeutsch und freiheitlich orientierte Burschenschaft absetzte. Es enthält neben österreichischen Fassungen der bekannten deutschen St.er zahlreiche in Österreich gesungene Lieder sowie Neuschöpfungen aus einem eigens dafür veranstalteten Preisausschreiben. Gegenwärtig sind in Österreich sowohl deutsche Kommersbücher verbreitet wie auch die österreichischen der katholischen Couleurstudenten. Das 1984 zuletzt erschienene Österreichische Kommersbuch enthält – abgesehen vom üblichen Repertoire – alle in Österreich üblichen „Farbenlieder“, „Verbandshymnen“ und „Burschenstrophen“.
Lit: F. Silcher/F. Erk (Hg.), Allgemeines Dt. Commersbuch 1858; M. Breitenstein (Hg.), Commersbuch der Wr. Studenten 1880; Commers-Buch für den dt. Studenten 1855ff; U. Gabriel, Die Funktion u. Bedeutung des St.es in Österreich, Hausarb. Wien 1971; Göpels dt. Lieder- u. Commersbuch 1847ff; W. Kindleben, St.er – Aus den hinterlassenen Papieren eines unglücklichen Philosophen, Florido genannt 1781; E. Kremser (Hg.), Kommersbuch der dt. Studenten für Klavier mit beigefügtem Text [o. J.]; P. Nettl, Prag im St. 1964; W. Schmied (Hg.), Österr. Kommersbuch 1965; Das Österr. Kommersbuch. Lieder der katholischen Couleurstudenten in Österreich 1984 [Weiterführung des von W. Schmied bearbeiteten Österr. Kommersbuches von 1965]; A. Plattner, Tiroler Studenten-Liederbuch. Burschen heraus! Lieder-Slg. für die katholisch-österr.en Mittelschulverbindungen Tirols 1947; R. Reimann/Th. Weichmann (Hg.), St.er aus Graz 1988; G. Scherer (Hg.), Dt. Studenten Lieder mit Bildern und Singweisen, illustriert v. F. Pocci u. L. Richter 1856 (NA m. einem Vorwort v. R. W. Brednich 1978); L. Schmidt in R. W. Brednich et al. (Hg.), Hb. des Volksliedes 2 (1975); G. Walzel, Student sein in Graz. Das Grazer St. 1982.
GH