Sch.er spiegeln die musikalischen, pädagogischen und politischen Tendenzen ihrer Zeit. Sind sie von einer zentralen staatlichen Stelle approbiert, stehen sie in engem Zusammenhang mit den Lehrplänen für das Fach Gesang, Singen oder Musikerziehung und demonstrieren aufgrund der Liedauswahl, welche erzieherische Funktion dem Lied aus gesellschaftlicher Sicht zugeordnet wird.
Die Geschichte der Sch.er im österreichischen Raum beginnt 1775, als in Wien eine Sammlung von explizit für den Unterricht bestimmten Liedern erschien, die Katechetischen Gesänge zum Gebrauche in den Deutschen Schulen der k. k. Erbländer. Wurde hier das Lied noch zur leichteren Vermittlung religiöser Inhalte benützt, so kam mit den Melodien zu Herrn Gregor Kraemers hundert neuen Schulgesängen von Ph. Schmelz (Salzburg 1800, s. Abb.) eine Sammlung von mit Noten versehenen, eigens für den Unterricht komponierten „Schulliedern“ heraus, die erzieherisch wirken und die Verbreitung der moralisierenden Texte befördern sollte.
Sch.er für den Musikunterricht entstanden nach Erlassung des Reichsvolksschulgesetzes (1869), welches das Fach Gesang verpflichtend an den Volksschulen einführte. Die Liedauswahl in den zahlreichen staatlich approbierten Liederbüchern (z. B. Liederquelle, 1871) stand in Einklang mit dem Ziel, durch den Gesangsunterricht das patriotische Gefühl zu fördern und (ab 1883) das Kirchenlied zu pflegen. Es gab keinen festgelegten Liederkanon, abgesehen von der Zeit des Ersten Weltkriegs, als im Raum des K. k. niederösterreichischen Landesschulrates mittels Erlass die Pflege von 31 namentlich genannten Volks-, Marsch- und Soldatenliedern verordnet wurde.
Zu Beginn des 20. Jh.s machten sich in den Sch.ern ie Einflüsse der Volksmusikbewegung bemerkbar, z. B. im Deutschen Schul-Liederbuch, 1909. In der überarbeiteten Neuauflage dieser Sammlung (1929–32) zeigten sich die Folgen der Jugendmusikbewegung, u. a. in der Berücksichtigung von alten deutschen Volksliedern und Volkskinderliedern. Die pädagogische Reformbewegung der 1920er Jahre spiegelt sich wiederum in den Kinderliedern, Spielen, Reimen und Anleitungen zur selbsttätigen szenischen Darstellung von Ringa Ringa Reia (Österreichisches Liederbuch I, 1.–4. Schulstufe, 1927).
In der Zeit des Nationalsozialismus wurden die für das Deutsche Reich approbierten Liederbücher mit den allgemein vorgeschriebenen Kernliedern verwendet. Ein einziges Liederbuch war explizit für den österreichischen Raum zugelassen (Liederbuch für Volksschulen – Ostmark, 1943). Häufig eingesetzt wurde zudem das Musikbuch für Jungen von E. Marckhl u. a. (1943), welches allerdings nicht für den Unterrichtsgebrauch approbiert war.
Nach 1945 griff man inhaltlich und konzeptionell auf die Liederbücher aus der Ersten Republik zurück. Allerdings fanden nun erstmals Volkslieder aus anderen Ländern, so auch Spirituals Eingang in die Liederbücher ab der 5. Schulstufe (Lieder fürs Leben, 1949).
Trotz des Entstehens von Musiklehrbüchern ab den 1950er Jahren blieb das Liederbuch bevorzugtes Unterrichtsmittel im Fach Musikerziehung. Besonders weite Verbreitung fand das Liederbuch Komm sing mit (1962) für die Hauptschulen und die Unterstufe des Gymnasiums. Die Liedauswahl verweist allerdings nicht nur auf das Liedrepertoire der Ersten Republik, sondern auch auf die Kernlieder der NS-Zeit.
Die Einführung kostenloser Schulbücher für alle Schülerinnen und Schüler aller Schulstufen 1972 mit ihren ökonomischen Konsequenzen wirkte sich positiv auf die Vielfalt der angebotenen Liederbücher aus. Einschneidend waren die Veränderungen im Liedrepertoire der neu erscheinenden Bücher, welches nun schon mehrheitlich aus dem fremdsprachigen Ausland stammte (Lieder der Welt, ab 5. Schulstufe, 1975). Die damals aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen und musikpädagogischen Bestrebungen führten auch zur Aufnahme von politischen Liedern, Sprach-, Schall- und Schlagspielen (Lieder-Studio, 1978).
Im heutigen (2005) schulischen Musikunterricht ist trotz einer Fülle gedruckter Unterrichtsmaterialien das Liederbuch noch immer von zentraler Bedeutung, v. a. in den Schulstufen 1–8. Singen in der Schule soll laut Lehrplan den Blick für die Musik verschiedener Zeiten und Kulturen öffnen, nicht aber bestimmte politische oder religiöse Ziele verfolgen. Dementsprechend vielfältig sind die Liederbücher angelegt. Für die Volksschule stehen mehrere Sammlungen von Liedern zur Verfügung, die je nach persönlicher und regionaler Vorliebe die verschiedensten Richtungen – vom modernen Kinderlied zum österreichischen Volkslied, von türkischen Liedern bis zu Weihnachtsliedern – abdecken. Ähnlich breit gefächert ist das Angebot bei den Liederbüchern und verwandten Materialien für die 10- bis 14-Jährigen, während für die AHS-Oberstufe nur drei Bücher in der Schulbuchliste zu finden sind. Insgesamt hat der Siegeszug der amerikanischen Rockmusik und ihrer stilistischen Merkmale auch die Sch.er erfasst. Zu einigen Liederbüchern werden zudem Aufnahmen mit instrumentalen Playbacks angeboten, welche die Möglichkeit geben, das Live-Musizieren im Sinne eines schulischen Karaoke auf das Minimum zu reduzieren. Derzeit gelten als Spitzenreiter im Volksschulbereich Sim Sala Sing (1995), für Hauptschule und AHS-Unterstufe die Liederbücher Sing & Swing (1992, Neuausg. 2002) und Rock & Pop (1999), sowie Sing & Swing im Chor – Das Chorbuch (1996).
Lit: W. Gundlach in S. Helms et al. (Hg.), Neues Lex. der Musikpädagogik, Sachteil 1994 [Liederbuch]; M. Oebelsberger, Die Musik in der Lehrerbildung Tirols von der Maria-Theresianischen Schulreform bis zum Reichsvolksschulgesetz 1774–1869, 1999; G. Sammer, Die Musikpädagogik im Spiegel ihrer Schul- und Liederbücher. Eine Materialstudie im dt.sprachigen Raum unter besonderer Berücksichtigung des Musikunterrichts der 10- bis 18jährigen in Österreich, Diss. Innsbruck 2003; Ch. Stöger, Kunst in der Schule. Studien zur Reformpädagogik in Österreich unter besonderer Berücksichtigung des Musikunterrichtes 2001; M. Teiner, Sch.er mit Vergangenheit für die Gegenwart. Angebot österr. Sch.er und Textrezeption unter besonderer Berücksichtigung des Liedrepertoires in der Zeit des Nationalsozialismus 1987; eigene Recherchen.
GE