Hilverding, Familie
Johann Baptist: * ca. 1670 Salzburg, † 30.8.1721 Wien. Schau- und Puppenspieler.

Gehörte einer fahrenden Schaustellerdynastie an. Sein Sohn

Franz Anton Christoph: get. 17.11.1710 Wien, † 29.5.1768 Wien. Tänzer. Studierte in Paris bei Michel Blondy, war seit 1734 kaiserlicher Hoftänzer in Wien, seit 1737 Hofballettmeister. 1758–64 war er Ballettmeister am St. Petersburger Hoftheater, kehrte danach nach Wien zurück und pachtete vorübergehend (1766/67) das Kärntnertortheater. H. ist einer der Mitbegründer des dramatischen Handlungsballetts, für das man später in Zusammenhang mit seinem Schüler G. Angiolini und dessen Gegenspieler J. G. Noverre, die beide in der 2. Hälfte des 18. Jh.s in Wien tätig waren, den Begriff ballet en action fand (ab dem 19. Jh. bürgerte sich dafür der Begiff ballet d’action ein). H.s Werke leiten von einer typenhaften Burleske zu literarisch und historisch fundierten Sujets über. Die etablierten Tänzerfächer beibehaltend, fand H. zu einem asymmetrischen und dynamischen choreographischen Stil. H.s Œuvre umfasst etwa 200 Werke, von denen meist nicht mehr als die Titel erhalten sind. Zu Beginn seiner choreographischen Karriere kreierte er eine Reihe von „caractère“- bzw. „demi-caractère“-Balletten, die in Wien als „serieuse“ oder „heiter“ bezeichnet wurden und entweder im Theater nächst der Burg (Burgtheater) oder im Kärntnertortheater herauskamen.

H.s bekanntestes Ballett ist das auch in einem Stich von Bernardo Bellotto festgehaltene Le Turc généreux (Wien 1758, M: J. Starzer). Das Werk, das den bekannten Stoff einer schiffbrüchigen Europäerin aufgreift, die in die Hände von Muslime gerät, gilt als der geglückte Versuch, die Handlung tänzerisch agierend zu vermitteln. Den aktuellen Trend des bewegten Ausdrucks aufgreifend, bediente sich H. dabei sowohl ganzkörperlicher Expressivität wie Asymmetrie in der räumlichen Konzeption, dazu bezog er bewusst die Gruppe mit ein.

Neben Komponisten wie F. J. Deller arbeitete H. auch mit Ch. W. Gluck zusammen, etwa für die Opern La Semiramide riconosciuta (1748) und Il Parnasso confuso (1765). Einen großen Teil von H.s Schaffen nehmen die Choreographien der Ballette in Opern ein, deren Musik, einer Usance der Zeit folgend, von eigenen Komponisten, z. B. I. Holzbauer oder J. Starzer, stammten. H. war wiederholt für private Aufführungen des Kaiserhauses tätig, das bekannteste Beispiel ist Le Triomphe de l’amour (1765, M: F. Gassmann), ein auch in einem Gemälde festgehaltenes Ballett, dessen Solopartien von Erzhzg.in Marie Antoinette und ihren Brüdern Ferdinand und Maximilian getanzt wurde.

W: Ballette: Britannicus (um 1740, nach Jean Racine), Idomeneus (nach Prosper Jolyot de Crébillon), Alzire (nach Voltaire); frühe Ballettversion des Don Quijote-Stoffes (1753); heitere Kreationen der Zeit waren Les Aventures à Leopoldstadt, Les Paysans de Carinthie (beide 1752); für das Theater nächst der Burg entstanden Orphée et Eurydice (1752), Le Ballet bleu (1753), Le Ballet couleur en rose (1753, die beiden letzten waren Wiederaufnahmen aus den 1740er Jahren), Pygmalion (1756, ein Ballett, das er in St. Petersburg erneut herausbrachte), Le Turc généreux (1758) und Les Amants protégés par l’amour (1765).

Lit: G. Gugitz in Jb. d. Ver. f. Gesch. d. Stadt Wien 11 (1954); F. Derra de Moroda in H. Koegler (Hg.), Ballett 1967. Chronik und Bilanz des Ballettjahres 1967, 49–51; F. Derra de Moroda in ÖMZ 23 (1968) u. 31 (1976); S. Dahms in österreich tanzt 2001; F. J. Fischer in Mitt. d. Ges. f. Sbg. Lk. 98 (1958), 209–211.

GOSch